Interview: Kris Kemist erzählt die Reality Shock Story

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In letzter Zeit habe ich immer mal wieder über Reality Shock Records geschrieben, ein junges Label aus Reading (UK) mit einem ebenso jungen Inhaber: Kris Kemist, 25 Jahre. Zusammen mit Mikey Murka hat er 2003 die Roots-Reggae-Maschine Reality Shock angeworfen. Wie es dazu kam, was ein Artist können muss, um mit Kris Kemist zu arbeiten und wohin es 2009 gehen soll, liest du im Interview.

Kris Kemist, Reality Shock Records
Kris Kemist, Reality Shock Records

Bei deinem Myspace-Profil habe ich gelesen, dass du erst 25 Jahre alt bist. Stimmt das?

Kris Kemist: Bless up, House Of Reggae. Ja, das stimmt. Ich bin 25 Jahre jung.

Wolltest du schon immer Produzent werden oder gab es auch andere Berufswünsche?

Ich hatte nie wirklich andere Berufswünsche, wurde einfach ins Musikgeschäft hineingezogen. Ich habe schon immer gern Musik gehört und Gitarre gespielt. Als Teenager habe ich angefangen Platten zu sammeln und bei einem Soundsystem aufzulegen. Irgendwann waren einige große Artists um mich herum und ab da konzentrierte ich mich darauf Musik zu machen.

Was fasziniert dich an Reggae?

Grundsätzlich denke ich, dass Reggae eine sehr kraftvolle Musik ist, die die Leute anzieht. Ich mag, dass Reggae gewöhnlich eine positive Botschaft verbreitet und die Kraft hat, Menschen dazu zu bringen, bewusster und freier zu denken. Es ist eine Musik, die vieles überwindet, selbst sprachliche Barrieren. Der Fakt, dass du inzwischen in fast jedem Land auf der Welt Reggae hören kannst, ist ein Beweis für seine Kraft. Die Energie, der Vibe von Roots Reggae ist einzigartig … its real, its natural, its positive, its uplifting, its universal.

Bei Roots Reggae dreht sich viel um die Botschaften. Bist du ein spiritueller Mensch?

Für mich sind das Spirituelle und das Materielle untrennbar miteinander verbunden. Ich weiß nicht, ob es gesund ist, sich auf das eine zu fokussieren und das andere zu vernachlässigen. Allgemein neigen westliche Kulturen ja dazu, alles Spirituelle und Unsichtbare zu verdrängen. Wenn du etwas nicht zählen oder messen kannst, existiert es nicht. Das verwirrt die Menschen, viele sind spirituell verhungert.

Um dich selbst zu kennen, musst du mit deinem Inneren (spirituell) und deinem Äußeren (materiell) im Einklang sein. Ich denke wir leben jetzt in einer Zeit, in der die Menschen wieder ihre Augen öffnen und ihre Art des Denkens neu einschätzen. Its nice to see people elevating and becoming more conscious thinkers.

2003 hast du zusammen mit Mikey Murka das Label Reality Shock Records gegründet. Erzähl mal, wie es dazu kam.

Zu dieser Zeit hatten wir schon ein paar Tunes, die wir würdig fanden für eine Veröffentlichung. Und wir hatten ein paar gute Artists an Bord wie Prince Livijah, Deadly Hunta, Errol Bellot, Afrikan Simba. Am häufigsten habe ich mit Mikey Murka zusammengearbeitet und wir planten ein Album für ihn aufzunehmen.

Der Grundstein war also gelegt und da lag es auf der Hand ein Label zu gründen. Es war anfangs sehr schwierig ohne Geld und ich wusste überhaupt nicht, wie so ein Label läuft. Aber wir haben es mit dem geschafft, was wir hatten und Dank der Hilfe verschiedener Leute wurde Reality Shock geboren.

Ist Reality Shock heute ein 1-Mann-Betrieb?

(Lacht) I do all the HARD work still! Nein, Reality Shock hätte niemals existieren können ohne die Unterstützung der Artists und der großen Reality Shock Familie. Vielen Dank an alle, die uns auf unserem Weg geholfen haben. Auf einigen Gebieten wird immer noch Hilfe gebraucht, aber nichts passiert bevor die Zeit reif dafür ist.

Wie gehst du vor, wenn du einen neuen Riddim produzierst?

Ich habe keine festen Vorgaben dafür. Ich starte mit einem Vibe, zum Beispiel einer Bassline, einem Accapella oder ein paar Akkorden. Darauf baue ich Stück für Stück auf, bis das ganze Substanz hat. Normalerweise nehme ich Bass, Gitarre und Percussions live bei mir auf und hole manchmal noch ein, zwei Musiker dazu. Wenn ich mein Bestes gegeben habe, gehe ich mit den Sachen in ein Studio mit besserer Ausstattung für den finalen Mix, gewöhnlich zu Russ Disciples oder Dougie von den Bush Chemists.

Spielst du selbst Instrumente?

Ja, ich habe nicht viel Ahnung von Musiktheorie, aber ich spiele Gitarre seit meiner Kindheit und Schlagzeug, außerdem noch Bass, Percussions und Keyboard. Es ist aber immer schön, wenn noch andere Leute an den Produktionen beteiligt sind und ihre eigenen Vibes mitbringen. Menschen wie meine Freunde James Brazell am Keyboard, Izzy am Saxophon, JAHNO & Yannis aus Frankreich. Außerdem arbeite ich manchmal mit Stout System und Dub Soljah zusammen.

Botschaft oder Sound, was ist dir wichtiger?

Das ist eine interessante Frage. Ich denke für mich ist beides gleich bedeutend. Ich trenne die Musik nicht von der Botschaft, Botschaft und Sound sind für mich eins. Ich mag Songs, in denen die Energie der Musik mit der Energie der Stimmen zusammenpasst und sich gegenseitig verstärken.

Worauf legst du Wert bei der Auswahl deiner Artists?

Der Artist muss auf derselben Wellenlänge sein wie ich, damit ich gut mit ihm zusammenarbeiten kann. Einige sind ja berüchtigt dafür, dass sie den Produzenten Kopfschmerzen bereiten, aber mit denen arbeite ich nicht (lacht) … the artists i work with are blessed still. Wenn der Vibe stimmt, läuft alles von allein.

Du brauchst viele verschiedene Skills, um ein Artists zu sein, und jeder hat seine individuellen Stärken und Schwächen. Ich denke, ein guter Artists muss sehr kreative sein und musikalisches Talent haben; gleichzeitig muss er gut organisiert sein und hart arbeiten. Das findest du nicht oft.

Mit welchem Artist würdest du gern zusammen arbeiten?

Es gibt viele Artists, die ich gern mal voicen würde und auch werde, wenn die Zeit kommt. Aber im Moment haben wir ein großartiges Paket an Artists und es geht darum, dass beste für die Familie rauszuholen, die seit dem Start für mich da waren.

Trotz der steigenden Anzahl digitaler Releases lässt du deine Tunes noch auf Vinyl pressen.

Das ist wahr. I-Tunes war für uns nicht der große Verkaufsschlager, vielleicht wegen der mangelnden Werbung oder weil es die gleiche Musik auf russischen Download-Seiten umsonst gibt (lacht). Vinyl hat aber etwas Besonderes und so lange wir genug davon verkaufen, um das Geld wieder rein zu bekommen, werden wir Platten pressen.

In England scheint vor allem die 10“ sehr beliebt zu sein. Welchen Vorteil hat sie gegenüber der 7“?

Ich bin mir nicht wirklich sicher. Persönlich mag ich 10“s, weil mehr Tunes draufpassen als auf eine 7“ und das finanziell mehr Sinn macht. Bei 7“s hast du keine große Preisspanne, bei 10“s gibt es einen kleinen Spielraum zwischen dem Herstellungs- und Vertriebspreis, so dass du deine Kosten für das Studio etc. decken kannst.

Auf deiner Website gibt es einen Link zu Psalm 1 Sound? Ist das auch ein Projekt von dir?

Psalms 1 ist ein lokaler Sound, den ich betrieben habe, bevor Reality Shock Records geboren wurde. Wir nannten ihn „Psalms 1 Sound – The Reality Shock“. Daher kommt auch der Name Reality Shock Records. Den Sound gibt es noch immer mit Selecta Jah Squeachi, aber er spielt nicht mehr so oft, weil das Soundgeschäft nicht mehr das ist, was es mal war. Ich habe wieder angefangen aufzulegen unter der Flagge von Reality Shock. Im März/April werde ich mit Solo Banton in Deutschland spielen.

Mal was anderes: Kannst du von deinem Job leben?

Vom Produzieren allein nicht, obwohl es schön wäre. Aber realistisch betrachtet gibt es nicht viele Menschen in der Reggae-Szene, die ihren Lebensunterhalt nur mit der Produktion verdienen. Die meisten kratzen sich etwas zusammen durch Studio-Arbeit, Live-Shows oder andere Sachen, um die Produktion zu unterstützen. Wir sind gerade dabei, eine Booking-Agentur und ein Dubplate-Studio zu gründen, damit die die Artists mehr zu tun haben und wir Geld verdienen, um die Dinge am Laufen zu halten.

Was können wir 2009 von Reality Shock erwarten?

2009 wird ein arbeitsreiches Jahr. Wir werden international viel unterwegs sein. In den nächsten Monaten kommen zwei neue limitierte 10“s raus, es wird viele Live-Shows geben zusammen mit der Upper Cut Band und später in diesem Jahr kommen neue Alben von Errol Bellot, Solo Banton und Auqa Livi. Die Booking Agentur und das Dubplate-Studio habe ich ja schon erwähnt. Eine neue Website soll es auch geben.

Big Respect to all House of Reggae visitors, give thanks for supporting the works.
One Blessed Love

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Schmeißt den Laden hier. Mag Reggae und Rub-a-Dub mit Bass. Und manchmal HipHop. Liebt echte Soundsystems. Schreibt auch für's Riddim Magazin. Musiktipps gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

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