Sebastian Sturm im Interview

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Sebastian Sturm (c) Thomas Schermer

Deutschlands erfolgreicher Roots Rocker, Sebastian Sturm, ist mit seiner neuen Band Exile Airline und seinem dritten Album „Get Up & Get Going“ auf Tour. Ein Interview über Bob Marley, Punk Rock und Reggae in Frankreich.

Sebastian, du spielst Roots Rock Reggae. Wie bist du dazu gekommen?

Ich habe mit Punk angefangen. Irgendwann sind Marley Texte bei mir gelandet und ich habe mich mit Roots Musik beschäftigt. Für meine Band und mich war es der Marley Reggae, also der 70er Jahre Reggae, der uns am besten gefallen hat. Das bedeutete dann für uns natürlich erst einmal, den Reggae überhaupt spielen zu lernen.

Damit wurde der Roots Rock Reggae eure „Zukunftsmusik“?

Ja, das war klar. Alles Weitere ging wie von selbst. Wir haben das anschließend auf den CDs „This Change Is Nice“ und „One Moment in Peace“ in der klassischen Art praktiziert und jeder kann hören, dass das sehr an den 70er Jahre Reggae angelehnt ist. Das war auch eine intensive Lernphase für uns und wir wissen jetzt – mehr noch als vorher, dass Reggae tatsächlich unsere Musik ist.

Dein neues Album heißt „Get Up & Get Going“, das ist wohl dein tanzbarstes Album bisher?

Roots ist doch immer tanzbar, jeder kann den „Marley“ Tanz, einen Schritt nach dem anderen. Selbst derjenige, der sich nicht als Tänzer fühlt, spürt mit seinem Körper irgendwie dem Reggae Rythmus nach. Das kommt einfach so.

Deine Musik wird immer wieder mit der von Bob Marley verglichen. Es heißt sogar irgendwo „der deutsche Bob Marley“. Du bist aber Sebastian Sturm, wie gehst du damit um?

Erst einmal habe ich mir gesagt, das ist ja nun kein schlechtes Kompliment. Auf der anderen Seite habe ich mir gedacht, einen zweiten Bob Marley, das gibt es ja nicht und das braucht auch keiner. Drittens kann man sich sowieso nicht mit dem „King“ messen. Keiner sollte das tun.

Sebastian Sturm live (c) Thomas Schermer
Sebastian Sturm live (c) Thomas Schermer

Beim Fussball vielleicht?

Ja, beim Fussball vielleicht. Aber es geht hier nicht um „Competition“. Klar, für uns hat es geheißen, ein drittes Album wird gemacht und da war mir sofort sonnenklar, hey, ich spiele nicht nur den Bob Marley nach, sondern da ist auch irgendetwas in mir drin, was es wert ist, aufgenommen und veröffentlicht zu werden.

Wohin fliegt „Exile Airline“, deine neue Band, musikalisch?

Wir sind rockiger geworden, wir machen aber auch mehr akustischere Elemente, so sind auf „Get Up & Get Going“ zwei, drei Akustik Songs, was vorher irgendwie nicht möglich war. Wir spielen mit rhythmischen Trommeln auch mehr Nyabinghi Elemente im Hintergrund, oder auch die „Johnny Cash Desert Guitar“.

Ich glaube, mein Reggae Studium ist mit den ersten beiden Scheiben abgeschlossen und jetzt experimentiere ich damit. Das ist etwas, dass mir sehr gefällt und mein Gefühl sagt mir: die „Changes“ sind richtig.

Sebastian Sturm wird in Frankreich viel häufiger (jeden Tag) als in Deutschland im Radio gespielt. Wie kommt das?

(Lacht) Reggae ist in Frankreich einfach viel populärer, die sind da schwer reggaebegeistert. Wenn du in Frankreich einen Kulturkanal einschaltest und die spielen dort Popmusik, oder auch andere Genres, in sehr vielen Liedern findest du Reggae Elemente. Reggae durchfließt dort die ganze Musikkultur. Es gibt dort auch viele Festivals und ich toure oft in Frankreich.

Reggae in allen Genres – und der Ursprung?

So ist das nun Mal. Die Entwicklung, die der Reggae oder die Musik aus Jamaika über die Jahre gemacht hat: Calypso, Mento, zum Ska, Rocksteady, dann Roots Reggae und irgendwann Rub A Dub und Dancehall: da sind wir jetzt angekommen und das wird sich auch immer weiter mit neuen Einflüssen aus anderen Musikrichtungen, oder wenn du so willst sogar aus anderen Musikkulturen, mixen. Ich betone: für „meine“ Musik ist und bleibt Reggae die Basis.

In Frankreich warst du auch schon mit Groundation auf Tour?

Ja. In Frankreich und auch in Deutschland, hier zuletzt im vergangenen Jahr.

Die sind ja nun ganz groß, dass muss der Wahnsinn gewesen sein.

Ja, genau.

Es kommt häufiger vor, dass Supportbands auf einer Tour überhaupt keinen Kontakt zum Main Act haben.

Dass es da keinen Kontakt gibt, das gibt es immer Mal wieder.

Also, das kennst du auch?

Ja. Aber mit Groundation ist das folgendermaßen, ich war großer Groundation Fan, bevor – wie es der Zufall so wollte – unser französischer Promoter uns mit denen das erste Mal auf Tour geschickt hat. Das waren 14 oder 15 Konzerte. Mittlerweile haben wir schon mehrere Touren zusammen gespielt und es sind auch schon einige „Compilations“ entstanden.

Das ist eine richtige Bandfreundschaft geworden. Wir singen gelegentlich sogar gemeinsam auf der Bühne. Ich bin darauf ehrlich auch ein bisschen stolz, dass es ausgerechnet diese Band ist, mit der wir viel zusammen spielen.

Guido Barth und Sebastian Sturm
Guido Barth und Sebastian Sturm (c) Cai Schlechter

Wie hat sich der Wechsel vom Punk zum Reggae auf dein Leben ausgewirkt?

Das hat mein Leben schon extrem verändert. Ich bin mit dem Reggae positiver geworden. Die Themen von damals sind auch heute noch meine Themen, aber die Ausdrucksweise hat sich geändert. Ich habe eine andere Perspektive für mich gewonnen. Gewissermaßen bin ich mehr mit mir im Frieden. Ich bin aber, was meine Themen angeht, immer noch genauso kritisch.

Vom Destroyer zum…

…ja, genau. Ich habe Punk Musik gemacht und ich bin auch tatsächlich der Punk Attitüde nachgelaufen. Als ich dann von Bob Marley die Texte und die Musik für mich entdeckt habe, habe ich angefangen, andere Musik zu machen, anders zu denken und ich finde auch, die Botschaft in dieser Musik, die bietet irgendwie Lösungen, auch für die sozialkritischen Themen, um die es ja meistens geht.

Lösungen, die einfach da sind. Schau dir einfach die Lovesongs an, die Bob Marley geschrieben hat. Er sagte etwa in Interviews zum Kaya Album: „Das ist ein fast komplettes Liebesalbum.“ Das ist seinerzeit wohl gar nicht so gut angekommen. Er sagte auch: „Wenn ich die ganze Zeit nur anprangere, dann muss ich auch eine Antwort haben und das ist eben One Love“. (Lacht)

Er hat ja nun auch wirklich die „korrekten“ Liebeslieder dazu geschrieben.

Du sagst es. Eigentlich war es für mich gar nicht so schwer, von Punk Rock auf Reggae umzusteigen. „The Clash“ haben das angefangen, sie haben versucht den Reggae zu spielen. Ich bin da nicht der erste in der Musikgeschichte.


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