Beenie Man und die Homophobie

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Beenie Man, der King of Dancehall will seinen Frieden mit Schwulen und Lesben machen. Leider spielen seine Fans nicht mit.

Gestern entdeckte ich bei Starlife Dancehall ein interessantes Video von Beenie Man. Der King of Dancehall präsentiert nicht etwa einen neuen Tune. Nein, er will mit dem Vorwurf der Homophobie aufräumen. Außerdem fordert er seine Gegner auf, ihn in Ruhe zu lassen. Wörtlich sagt Beenie:

„I have nothing against no one. I respect each and every human being, regardless of which race or creed, regardless of which religious belief you belief in, and regardless of which sexual preference you are, including gay and lesbian people.“

Und weiter:

„Do not fight against me for some songs that i sing 20 years ago.There is no one in this world is the same person as they were 20 years ago […].“

Einerseits finde ich diesen Schritt sehr mutig und vorbildlich. Andererseits kommt er gerade recht zur Reggae Festival Saison 2012. In diesem Sommer soll Beenie Man unter anderem beim Rototom Sunsplash und beim Summerjam auftreten. In den vergangenen Jahren wurden seine Konzerte mehrfach abgesagt, weil die Schwulen- und Lesbenverbände ordentlich Druck machten.

Beenie Man im Ausverkauf

In englischsprachigen Onlinemedien wird momentan diskutiert, wie glaubwürdig die Videobotschaft ist. Wobei es auf Youtube, Examiner und Dancehall Madness weniger Diskussionen gibt, denn die Leute sind sich einig: Beenie Man verkauft sich an die Schwulen und Lesben, um Geld mit Konzerten verdienen zu können. Im Jamaica Observer ist folgendes Comic erschienen:

Beenie Man und die Gay Community / Jamaicaobserver.com
Beenie Man und die Gay Community / Jamaicaobserver.com

Was soll man dazu sagen? Ein schönes Beispiel für das Dilemma mit der Homophobie. Wenn sich Reggae Artists wie Beenie Man, Sizzla oder Capleton für ihre frühen Texte entschuldigen, verlieren sie den Rückhalt in ihrer Heimat. Wenn sie es nicht tun, verlieren sie lukrative Auftritte außerhalb Jamaikas, mit denen sie ihr Leben finanzieren.

Ich bin gespannt, wie Beenie’s Botschaft bei den hiesigen Schwulen- und Lesbenverbänden und Fans aufgenommen wird. Und mich interessiert eure Meinung.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Schmeißt den Laden hier. Mag Reggae und Rub-a-Dub mit Bass. Und manchmal HipHop. Liebt echte Soundsystems. Schreibt auch für's Riddim Magazin. Musiktipps gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

12 Gedanken zu „Beenie Man und die Homophobie

  1. 2009, nicht in seiner Jugend, hat Beenie Man wieder mal einen Skandal ausgelöst, als er in Uganda „Mi na Wallah“ gesungen hat und gefordert hat, allen Schwulen die Kehle durchzuschneiden.
    http://www.pinknews.co.uk/2009.....n-concert/

    Bei Amazon macht der arme, arme Beenie Man weiterhin dick Kohle mit „Han up deh“ („Hang chi chi gal wid a long piece a rope“), wo er fordert, Lesben aufzuhängen.

    Usw. usf. Ich bleibe dabei: wer behauptet, dass Jamaikaner nicht anders können, der ist ein Kulturalist und damit ein moderner Rassist. Und er/sie zieht die Arbeit von JamaikanerInnen wie denen von J-FLAG ) in den Dreck, die einen hohen Preis dafür zahlen, jeden Tag zu beweisen, dass es anders geht. Gar nicht zu sprechen von den jamaikanischen KünstlerInnen, die nicht gegen LBGT hetzen oder gegen den Hass ansingen!

    Wie sollen halbwegs clevere Schwulen-/Lesbenverbände auf Beenie Mans „Ich will dick Kohle machen und laber jeden Scheiß, den die Weißbrote hören wollen, offensichtlich ohne es irgendwie ernst zu meinen“ anders reagieren als mit Widerstand?

    Which side are you on?

    1. Halbwegs clevere Schwulen- und Lesbenverbände scheint es in Belgien zu geben. Dort wurde im Mai die „No Hate Reggae Charter“ gestartet, ein Abkommen zwischen Veranstaltern und Verbänden:

      Ich finde unter anderem die Idee der einmaligen Amnestie für homophobe Äußerungen in der Vergangenheit gut. So könnten die betreffenden Reggae Artists einen Schlussstrich ziehen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Ob sie es tun werden, ist eine andere Frage. Aber auch dafür hat die Charter eine „Lösung“, die hoffentlich bald europaweit umgesetzt wird.

      Außerdem enthält die Charter Auflagen sowohl für Veranstalter als auch Schwulen- und Lesbenverbände. Das gefällt mir, weil es der Sache die Einseitigkeit nimmt.

      Bezüglich Beenie Man bin ich auf deiner Seite. Wäre er konsequent, würde er unter anderem selbst dafür sorgen, dass seine Alben und Tunes mit homophoben Texten aus den Länden verschwinden. Ein paar Telefonate mit Labels und Vertrieben sollten schon drin sein.

      Auf welcher Seite ich stehe? Nun, soweit ich die deutsche Reggae Blogosphäre im Blick habe, stehe ich mit meinem Interesse am Thema Homophobie und Reggae ziemlich allein da.

  2. Ich weiß doch, dass Du auf der richtigen Seite stehst ;) Mein Ärger richtete sich auch gar nicht gegen Dich, tut mir leid, wenn das so ankam! Weiter so ausführlich berichten, bitte.

    1. @MoW Es ist alles richtig angekommen, keene Sorge ;) Mich würde trotzdem mal interessieren, was du von der Charter hältst.

  3. „It goes without saying that hate speech and incitement to violence against people (legally) do not belong on our stages. But […] neither can a whole generation of artists be banned from our stages.“

    Was für ein eigenartiges „Aber“. Man setze da nur mal das Folgende ein, um sich die Absurdität klar zu machen: „Natürlich ist Antisemitismus und Aufrufe zur Judenvernichtung furchtbar, aber wir müssen die Ostdeutschen doch trotzdem lieb haben“ – absurd auf so vielen Ebenen, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll, außer vielleicht das: Wer sich nicht glaubhaft und mit allen Konsequenzen von früheren Hassbotschaften distanziert, der muss damit leben, dass die Opfer seines Hasses (und alle Menschen, denen Emanzipation und Solidarität am Herzen liegen) sich wehren. Und eine „ganze Generation“? So wie nicht alle Ossis rechts sind, sprechen wir bei dem Thema doch immer wieder über die gleichen 10 Hater, die überwältigende Mehrheit der jamaikanischen Künstler hat nie im Leben einen Hasstune geschrieben oder gesungen, und diese überwältigende Mehrheit wird mit der Argumentation doch völlig in den Dreck gezogen. Als ob TOK und Co Reggae wären. Für mich sind die ein Abfallprodukt von Reggae, und ich bleib lieber bei z.B. Lee Perry, trotz und gerade wegen der einzigartigen Logik seiner Ausführungen:
    „Gay people have the right to live their life, and I wouldn’t say that they shouldn’t live the life they should live because they were once woman. After they reincarnate they come back as man. They achieve two different power – they achieve the power of man and the woman. We all are male and female but some of us don’t know how to handle it. We are all male and we are all female in one body; two power in one body. But if the woman in the gay want to live a woman life, let the woman in the gay live a woman life. And if the man in the gay wish to life a man life, let the man in the gay live a man life. I have nothing to say against them“.“

    Sprich: für mich gibt es da kein „Aber“. Und wenn es um Menschenhass geht, dann versteh ich auch nicht, warum ich „konstruktiv diskutieren“ sollte. Argumente darlegen, ja, und zwar immer wieder, aber ich werde doch keinen Schritt Richtung „Hass auf LBGTs“ zu machen, um in einen wie auch immer gearteten „konstruktiven Dialog“ mit ideologisierten wahnsinnigen Hasspredigern einzutreten? Warum sollte ich?

    Was der Text in einem nächsten Schritt dann ja auch klar macht: Veränderungen auf Jamaika sind durch die Solidarität, den Widerspruch und den Widerstand der LBGT Gemeinde weltweit (auch auf Jamaika!) möglich geworden, nicht durch das sich antirassistisch und „tolerant“ gebende Abgefeiere („Der Neger ist halt so, die können nicht anders als Schwule klatschen und mit dem Hintern wackeln.“) von Hass Tunes wie es in D lange Gang und Gäbe war und ist.

    „one-time amnesty“: man erkennt die nette Idee darin, aber ist doch Quatsch. Die Definitionsmacht liegt bei den Opfern, und Hassaufrufe, die zu (Selbst-)Morden beitragen, kann man nicht eben in einem Brief wegwischen. Ich fühle mich vom Hass eines Beenie Man weiterhin in meiner Lebensqualität eingeschränkt und ich verzeihe ihm nicht, solange er Geld mit seinem Hass macht und lügt, wie es ihm gerade in den Kram passt. Und wer sein Geld mit Hass verdient hat, der muss seine Maske eben ablegen („Gesicht verlieren“), um in der Folge echte Würde zu erlangen. Kurzform: Keine Amnesie, sondern deutliche Distanzierung und vor allem KONSEQUENZEN seites der Künstler!

    Bei den einzelnen Punkten sind aber doch einige gute Ideen dabei.

    Alles in Allem steckt in dem Dokument sicher unglaublich viel Arbeit, und es ist sicher ein Schritt, auch wenn viele Formulierungen und Vereinbarungen in ihrer Kompromisshaftigkeit alles andere als klar und ausreichend sind.

    1. Lee Perry’s Ansichten zu dem Thema kannte ich noch gar nicht. Weißt du, aus welcher Zeit das kommt? Hat Perry da schon in London gelebt oder noch auf der Insel?

      „“one-time amnesty”: man erkennt die nette Idee darin, aber ist doch Quatsch. Die Definitionsmacht liegt bei den Opfern, und Hassaufrufe, die zu (Selbst-)Morden beitragen, kann man nicht eben in einem Brief wegwischen.“

      Wie ich es verstanden habe, hat die Schwulen & Lesben Gemeinschaft auch an der Charter mitgearbeitet. Die sehe ich durchaus als Opfervertreter, wenn bisher auch nur der belgischen Opfer. Die Amnestie wäre aus meiner Sicht aber nur konsequent, wenn mit Veröffentlichung auch keine älteren Hasstunes der betreffenen Artists mehr verkauft werden. Ansonsten schweigen Beenie Man & Co vielleicht auf der Bühne. In den CD-Player bleiben aber ihre alten Ansichten hängen.

  4. Pingback: Puppah Sock answers Beenie Man | House of Reggae
  5. Pingback: Murder Music: Sizzla & Beenie Man | Bigshotzine
  6. Sizzla disst Beenie Man:

    „He even makes what appears to be reference to Beenie Man’s recent comments about the gay community with: Next one guh bow an a mess up mi culture/ Apologise to who yuh worse than a vulture/ Bun babylon dem coulda big like monster/ Mi nah bow dung just fi get nuh sponsor.“

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