Wer war Bob Marley?

Bob Marley Legend

Bob Marley Legend

Am 11. Mai vor 30 Jahren starb Bob Marley, der König des Reggae. Und? Kaum eine relevante Reggae Website hat sich bisher dazu geäußert.

Ganz im Gegensatz zu Spiegel Online und Welt Online, die – wahrscheinlich auf der Jagd nach Klicks – mit zwei kontroversen Artikeln die Gemeinde erzürnen.

Ich wollte mich nie intensiv mit Bob Marley beschäftigten. Ich habe keine Biografien gelesen und anfangs wollte ich nicht mal seine Platten haben. Marley war für mich zu sehr Hauptstraße, zu sehr Ausverkauf und zu oft schlecht gedruckt auf T-Shirts zu sehen.

Bob Marley bei Welt Online: Gewaltbereiter Rassistenfreund

bob marley welt online

Screen: Welt Online

Inzwischen habe ich zumindest ein paar großartige Marley Alben im Schrank stehen und etwas über ihn gelesen – der Allgemeinbildung als Genre-Fan wegen. Vielleicht hätte sich Michael Pilz auch ein bisschen mehr mit dem Thema befassen sollen. Für Welt Online hat er den Artikel „Er war ein Heiliger ohne Gnade – Bob Marley“ geschrieben.

Kurz zusammengefasst: Marley war ein polygamer, gewaltbereiter Mann, der von Marcus Garvey („ … der […] sich mit dem Ku-Ku-Klux-Klan verbündete …“) und Haile Selassie („… eine Art Ghaddafi von Äthiopien“) beeinflusst wurde.

Marleys größtes Vermächtnis war es, den Segen des Kiffens in die Welt gebracht zu haben. Mein Lieblingszitat ist jedoch folgendes:

„Wie im rüden Reggae üblich, geißelte der junge Marley im Gesang die Todsünde der Homosexualität.“

Bob Marley geißelt in seinen Texten alle möglichen Dinge, die ihm nicht passten. Zum Glück singt er meist in einem recht klaren Englisch, seine Texte sind verständlich. Ich habe noch keinen Song gehört, in dem er Schwule oder Lesben angreift.

Aber woher soll Michael Pilz das wissen, wenn selbst der deutsche Reggae-Star Gentleman in einem Interview sagte, dass Marley schwulenfeindliche Texte sang. Dieses Interview hat Pilz selbst geführt und mit dem Titel „Schon Bob Marley sang homophobe Texte“ bei Welt Online veröffentlicht.

[Exkurs]

Marley und homophob? Das Thema wird viel diskutiert und endet häufig bei einem Interview mit dem belgischen Magazin HUMO, das Bob Marley im Sommer 1980 gab. Darin sagt er unter anderem, dass er gegen Sodomie kämpfe. Das kann durchaus als homophobe Äußerung interpretiert werden. In seinen Songs taucht das Thema meines Wissens nach jedoch nicht auf.

[Exkurs Ende]

Michael Pilz beendet seinen Artikel mit dem Satz, dass Marley „… vor allem ein leuchtender Musiker“ gewesen sei. Komisch, dass davon so gut wie nicht vermittelt wird. An dieser Stelle zitiere ich einfach, was ich in der Diskussion auf meiner Facebook-Fanseite schon geschrieben habe:

„Es ist nicht alles falsch, nur sehr einseitig. Von einem Journalisten erwarte ich aber keine Meinung, sondern gute Recherche und beide Seiten der Münze.“

Bob Marley bei Spiegel Online: Zwischen Hippie und Kommerz

bob marley spiegel online

Screen: Spiegel Online

Eingangs habe ich einen zweiten Artikel erwähnt, der bei Spiegel Online erschienen ist: „Bob Marleys Vermächtnis: Sex, Rhythmus und Rebellion“, geschrieben von Uh-Young Kim.

Kim moderiert seit Jahren die Reggae Radiosendung „Massive“ bei Funkhaus Europa. Er ist also ein Mann vom Fach. Sein Artikel beginnt mit den Worten: „Er ist der Messias aller Parktrommler, der Säulenheilige aller Weltverbesserer, das Motiv auf Kiffer-T-Shirts auf der ganzen Welt.“

Was erwartest du nach dieser Einleitung? Uh-Young Kim beschreibt, wie sich der Mythos Marley um die Welt verbreitete. Das Ziel dieses Artikels ist mir nicht klar. Vielleicht will Kim einfach eine Diskussion anregen? Einerseits ist er wütend darüber, dass der Mythos Marley von „Parktrommlern“ und „… streng riechende Jungs mit zotteligen Locken …“ weitergetragen wird. Andererseits nervt ihn der Kommerz.

Tatsächlich ist das ein großer Spannungsbogen. Zum Beispiel hat die Lifestyle Surfmarke Billabong kürzlich eine „Bob Marley Collection“ kreiert. Das Design unterscheidet sich kaum von Textilien in Amsterdamer Kaffeehäusern und anderen Devotionaliengeschäften. Nur der Preis ist höher und wird von den Lockenjungs im Park sicher nicht bezahlt.

Mir gefällt der Artikel von Uh-Young Kim eigentlich gut. Leider hat er sich in der Überschrift (stark auf Keywords geschrieben) und in der Einleitung komplett vergriffen.

Eins verstehe ich jedoch nicht: Warum lässt Spiegel.de einen Artikel schreiben, obwohl sie bereits einen großartigen Zeitzeugenbericht von Teja Schwaner online haben? Der Journalist begleitete Bob Marley drei Tage lang auf seine Deutschland-Tour 1976. Ein authentischeres Bild vom Reggae König kann man kaum liefern.

12 Kommentare zu “Wer war Bob Marley?

  1. alohastone
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    Mir gefällt der Artikel von Uh-Young Kim eigentlich gut. Leider hat er sich in der Überschrift (stark auf Keywords geschrieben) und in der Einleitung komplett vergriffen.

    Seh‘ ich ähnlich. Der Artikel ansich ist ja in Ordnung und alles in allem ziemlich sachlich. Aber Überschrift und Einleitung lassen erstmal befürchten dass einen hier nochmal der gleiche Rotz erwartet wie in dem Welt-Artikel. Zum Glück ist das ja nicht passiert. Wäre wohl auch seltsam gewesen, wenn der Moderator einer (wirklich guten) Reggaesendung am 30. Todestag Bob Marley niedermacht…

    Zum Artikel von Herrn Pilz muss man nicht viel sagen. Sonst regt man sich nur noch mehr auf.

    Ich wollte mich nie intensiv mit Bob Marley beschäftigten. Ich habe keine Biografien gelesen und anfangs wollte ich nicht mal seine Platten haben. Bob Marley war für mich zu sehr Hauptstraße, zu sehr Ausverkauf und zu oft schlecht gedruckt auf T-Shirts zu sehen.

    Lange Zeit ging’s mir ähnlich. Gerade wenn man zum 20. Mal die Gold Collection rauf und runter gehört hat (gewollt oder ungewollt), hängt’s einem irgendwann zum Hals raus. Aber wenn man da drüber weg ist, und sich auch mal Songs anhört die es nicht auf irgendeine Best Of geschafft haben, kann man Bob Marley (wieder) richtig lieb gewinnen.

    Die Rastman Vibration und Kaya sind schon so oft durchgelaufen, und haben mir so viele gute Vibes beschert… Mr. Chatterbox könnte ich mir stundenlang im Loop anhören, She’s Gone ist der schönste Sie-Hat-Schlussgemacht-Song der je gemacht wurde, und die Yvette Acoustic Tapes haben mir nochmal ne ganz neue Ebene an „Liebhaberei“ eröffnet.

    Klar ist Bob Marley ’ne Ikone, und oftmals das erste, manchmal das einzige was Leuten zu Reggae einfällt. Und das kann auch nerven, genauso wie die bescheuerten T-Shirts, Buffalo Soldier auf Karaoke-Parties, und der ganze Rattenschwanz der mit dem Fame kommt.

    Aber zum 30. Todestag wär’s doch schöner gewesen, man hätte lesen können wie sich jemand für die guten Vibes bedankt. Der hundertste Aufguss vom sachlichen großen Ganzen ist doch langweilig. Einen Artikel mit mehr Herz als Kopf hätte ich lieber gelesen. Da wäre man auch nicht Gefahr gelaufen Halb- und Unwahrheiten in die Welt zu kotzen, und Leuten auf den Schlips zu treten denen die Mucke am Herzen liegt.

    Und auf die kommt’s doch an, finde ich. Wie oft er seine Frau(en) betrogen hat ist mir doch egal, so lange der musikalische Output mir was gibt. Künstler sind halt auch nur Menschen, und bauen schonmal Bockmist. Erfahrungsgemäß mehr als der durchschnittliche Bankangestellte. Aber die meisten schaffen dafür etwas, das vielen Menschen irgendwie hilft.

    Dafür danke zu sagen wär angebrachter gewesen als die Schmutzwäsche zu durchsuchen. Hätte aber wohl weniger Klick gebracht.

     
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  2. Pingback: Kennst du Bob Marley? | Oleejahs Reggae Blog

  3. Nils Roger Reggae
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    @alohastone Die „Kaya“-Platte war die erste Marley-Platte, die ich hatte. Ursprünglich hatte ich sie für meinen Bruder auf dem Trödelmarkt gekauft. Jahre später habe ich sie mir dann einfach selbst eingesteckt, weil mein Bruder kein Interesse daran hatte.

    Von der Welt und dem Spiegel kann man keine konfliktfreien Artikel erwarten, denke ich. Das sind keine Medien des Dankes, das sind Medien des Streits. Traurig, das sagen zu müssen, aber ich glaube, „Danke“-Artikel findet man nur in der Bild und ihren Kollegen. Die setzen halt auf Emotionen. Aber so Hauptstraße ist Marley dann doch wieder nicht :)

     
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    1. Nils Roger Reggae
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      @StayPositiv Was ist mit diesem Artikel? Ich habe ihn am Ende meiner Ausführungen verlinkt.

       
  4. alohastone
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    Oh, den hab ich wohl auch übersehen. Peinlich.

    Genau so sollte ein Artikel zum 30. Todestag aussehen. Schön dass du ihn nochmal erwähnt hast.

     
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  5. Eardrum Music Blog
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    Er war eine Legende. Schließlich brachte er den Reggae in die Welt und nur das zält.

    Schöne Diskussion, ich mag diese kritischen Arikel sehr, Roger! Wieder einmal ein großartiger Artikel.

    blessed,
    Swede

     
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    1. Nils Roger Reggae
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      @Eardrum Ich mag diese Artikel auch langsam, denn sonst bekomme ich ja kaum Rückmeldung von der Leserschaft.

       
  6. MoW
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    Sehr guter Eintrag. Zu Marley: Sodomie und Homosexualität sind natürlich zwei völlig unterschiedliche Konzepte, ersteres ein archaisches, das sich auf eine Sexualpraktik bezieht, zweiteres ein modernes Konstrukt, das ein angebliches Bündel von Persönlichkeitsmerkmalen umfasst. Viele Gesellschaften mit Sodomieverbot (Arabische Welt, Teile Afrikas, …) hatten überhaupt kein Problem mit Zärtlichkeit zwischen Männern bzw. Frauen und es ist die westliche Moderne, die der heutigen mörderischen Homophobie den Weg bereitet hat.

    Fazit: Selbst wenn Marley das gesagt hätte (was ich traurig fände), ist sein Erbe „Who the cap fit“, „Smile Jamaica“ und „Judge not“ und nicht so ein Scheiß. Aber dass in der „Welt“ (meist von Ex-Linken) alles runtergemacht wird, was irgendwie alternativ oder links ist, ist ja nichts neues.

    Weiter so, HouseofReggae!

     
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    1. Nils Roger Reggae
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      @MoW Vielen Dank. Man sieht ja im Plattenladen, was Bob Marleys Erbe ist: Songs, Songs, Songs. Wenn in den Medien das Thema Homophobie im Reggae aufkommt, wird nie Bob Marley genannt. Deshalb hat es mich doch sehr gewundert, warum er zu seinem Todestag aus der Kiste gezogen wurde.

       

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