Sentinel’s Shotta Paul im Interview

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Sentinel-MC Shotta Paul bereitet sich momentan wahrscheinlich auf den „Sound Fi Dead“-Clash auf Jamaika vor. Vor seiner Abreise hat Benjamin Gruner schnell noch angerufen und mit dem Shotta über den Clash, die Grenzen kreativer Dubplates und die unfassbare Kingston Hot Radioshow gesprochen.

Sentinel ist am 16. Oktober 2010 beim „Sound fi Dead“-Clash auf Jamaika. Dort trefft ihr auf Sound Trooper, Tek 9, Black Scorpio, Black Kat und Body Guard. Wo siehst du eure Chancen als einziger europäischer Sound?

Shotta Paul Wir sehen unsere Chancen natürlich straight auf Gewinnen. Das ist jetzt das dritte Mal, dass wir da sind. Jedes mal haben wir absolut gut repräsentiert und dann immer wegen irgendwelcher komischen Gründe den Titel nicht geholt. Man macht einfach seine Erfahrungen. Das letzte Mal waren wir im Tune fi Tune gegen Ricky Trooper.

Im Nachhinein hätte man einiges anders machen können. Man baut immer auf dem auf, was man hat. Von daher sind die Sounds natürlich absolute Legenden, aber durchaus bezwingbar, jeder einzelne von denen. Natürlich kann auch alles anders kommen und wir fliegen als erste raus.

Letztes Jahr habt ihr ein Jay-Z-Dubplate gebuzzt, Heavy Hammer hat erst wieder beim Riddim Clash 2010 ihre HipHop-Box geöffnet, City Lock hatte sogar ein Buena Vista Social Club-Dubplate. Was glaubst du, wohin sich das entwickelt und wo die Grenzen sind?

Das hat auf alle Fälle seine Grenzen. Man ist natürlich als Sound immer auf der Suche, entweder nach etwas Ausgefallenem, Exklusivem oder (teure) Leute, die man einfach schwer kriegt. Natürlich macht das immer was aus und die Leute finden das immer cool. Man redet darüber und das ist ja auch geil.

Aber das hat dann auch seine Grenzen, weil dieses Gimmick schon bekannt ist. Wenn man jetzt mit irgendwas Krassem, Besonderem kommt, muss das cool sein, damit das nicht nur was weiteres Besonderes ist. Das kann auch floppen. Solche besonderen Sachen funktionieren nur im Kontrast zu den bestehenden Sachen. Da musst du erstmal Reggae, Dancehall spielen, damit zum Beispiel dieser HipHop-Artist besonders kommt.

Wenn du das Ganze gar nicht spielst und nur HipHop-Artists hast, dann ist es gar nix mehr Besonderes. Man muss immer kreativer werden. Das ist einfach Evolution. Im Clash ist das oft so: Wenn wir das jetzt einmal machen und damit jemand gekillt haben, dann ist das nächste Mal, wenn man wieder damit reinkommt und die Leute das von einem vorherigen Clash kennen, gleich eine fettere Gun, weil es alle kennen.

Man macht sich ja auch Big Tunes, indem man Sounds mit Tunes killt, zum Beispiel Nadjas Tune gegen Ricky Trooper oder „Unknown Number“ von Busy Signal: „Tell you‘re mother fi stop call unknown numba / elmar is not your unknow father!“ (lacht). So kann das funktionieren, kann aber auch ausleiern. Das kommt noch auf den Sound an, wie er spielt und die Massive.

Welche Skills muss man als MC mitbringen, um gegen Großmäuler wie Trooper das letzte Wort zu haben?

Du musst auf alle Fälle sehr gut Patois sprechen können und verstehen. Du musst die jamaikanische Kultur kennen. Besonders beim Soundclash, wenn du Reggae spielst. Dafür sollte man auch auf Jamaika gewesen sein und ein bisschen Zeit verbracht und sich intensiv damit beschäftigt haben. Das du viele Dinge erstmal checkst, die du sagen kannst. Dann brauchst du Timing, Speech, Dinge, über die du reden kannst – alles was ein MC braucht. (lacht) Wenn du clashst, musst du tief drin stecken und brauchst viele Skills!

In Europa wird immer öfter zum Soundclash gerufen. Wie bewerten die Soundboys aus Jamaika und den USA die Bedeutung und Qualität dieser Clashs?

USA und Jamaika sind zwei getrennte Paar Stiefel. Den Jamaikanern ist das wirklich scheißegal. Weißt du, mein Kumpel, der da einen Sound hat, dem schick ich manchmal Links, wo wir geclasht haben. Er findet das schon cool und fett, aber von selbst würden die sich nie darum scheren.

Jamaika ist wie ein kompletter Globus für sich. Es ist wahnsinnig schwer, Reggae von außerhalb da reinzubringen. Wenn du es checkst: Welcher Act außerhalb von Jamaika wird denn nach Jamaika gebucht? Das sind HipHop-Artists, Mighty Crown, David Rodigan, Gentleman und jetzt eben Sentinel. Für die Artists ist es wahnsinnig schwer, da hineinzukommen.

Sentinel Sound: Nadja, Shotta Paul, Elmar, Meska
Sentinel Sound: Nadja, Shotta Paul, Elmar, Meska

So ist das auch beim Soundclash. Der Clash ist nicht der Hype der Woche. Der Dance regiert, Rum & Redbull. Da ist es normal, dass sich die Soundboys ein bisschen anpissen, wenn sie sonstwo spielen. Da gehen mehr Arguments bei den Jugglings. Clash ist da eher so ein Teil des Jugglings. Bei uns ist das mehr getrennt.

Wie gesagt, es ist schwer für unsere Clashes dort gerated zu werden. Die Europäer haben auch das Problem der Speeches, weil sie nicht so gut Englisch können oder weil man sie schwer versteht. Die Arguments, die im Clash gehen, bringt man in Europa gar nicht so auf den Tisch.

Und bezüglich den USA?

Die gucken ein bisschen mehr über den Tellerrand. In den USA ist Dancehall, Reggae auch nur eine Sparte. Jamaika ist komplett Dancehall und Reggae. Die machen es selber und da schauen die nicht darüber hinaus. In den USA sind die Jamaikaner in New York oder Florida über Städte verteilt. Da ist das relativ überschaubar. Die checken das Internet, was sonst noch so geht, kriegen andere Einflüsse.

Eine gut gevoicte Dubplate-Box bekommt da auf alle Fälle ihre Anerkennung. Die Sounds werden auch ernst genommen in Europa, aber unter dem Vorzeichen, dass es europäische Sounds sind. Warum wird zum Beispiel kein europäischer Sound nach Amerika gebucht?

Kingston Hot Radio: Was ist die Philosophie dahinter?

Unsere Philosophie ist die Radiokultur, die auch Teil von Reggae ist, in Jamaika, England, den USA. Da gibt es einfach viel mehr funktionierende Radiostationen, die das Programm der Leute spielen. Das haben wir uns ein bisschen als Vorzeichen gesetzt. Deswegen machen wir das auch auf Deutsch.

Wir wollen eine wöchentliche Radioshow, die den aktuellen Vibe immer widerspiegelt und eine Szene zusammenfasst, einen Bezugspunkt schafft. Da werden neue Tunes gehört, man kriegt so ein bisschen mit, was abgeht. Das ist die Philosophie. Deswegen ist es auch for free und wöchentlich.

Shotta Paul und DJ Meska
Shotta Paul und DJ Meska

Wir nehmen das live am Stück auf und es wird dann in das Internet gestellt. Es hat eher technische Gründe, dass wir nicht live streamen. Wir drücken record und dann läuft’s! Bei der Qualität haben wir Ansprüche an uns gestellt, dass unser Mic ok ist, sich das danach gut anhört. Die Tuneauswahl ist natürlich noch Teil der Qualität. Die Moderation ist natürlich teilweise ein bisschen punkig, halt so eine Mischung von Dancehall.

Man hört natürlich sehr viele Live-Aufnahmen als Fan, daher kennt man diesen Style schon. Am Anfang war es stärker Dancehall mäßig, jetzt sind wir eher beim Radioformat angelangt. Natürlich bereite ich mich vor, es ist aber immer Freestyle mit drin … a just di vibes. Da kommen teilweise sehr gute Sachen heraus, aber manchmal auch sehr schlechte. Das muss man nehmen wie es ist.

Auf Jamaika habe ich sehr das Radio genossen. Der MC macht seine Witze, belebt die Leute, dazu gibt’s neuen Sound. Ihr seid die erste Radiostation in Deutschland, bei der ich das Gefühl habe, das Ganze kommt real.

Wir sind immer nur 60 bis 80 Minuten bei der Radioshow. Da drüben läuft das Radio den ganzen Tag. Der Moderator reißt Witze, labert über irgendeinen Shit. Das ist Radio und it’s for free! Ich habe schon meinen eigenen Qualitätsanspruch an die Parts, die ich rede. Sonst können die Leute auch Mixtapes hören. Deswegen ist es auch jede Woche neu. Man hört’s an, vibet eine Woche auf der Show rum und dann kommt die nächste. MCing ist ein wichtiger Teil davon.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft von Kingston Hot Radio?

Es wäre echt fett, wenn’s viel, viel mehr Zuhörer werden. Wir sind bereits bei fetten, fetten Hörerzahlen, aber wenn das official in Deutschland wäre … Ein öffentliche Radiostation ware natürlich in sehr geiler Deal, aber da verliert man viel von seinem punkigen, unabhängigen Style. Wir können bei Kingston Hot Radio alles machen. Bei Öffentlichen kann man das natürlich nicht ganz so bringen.

Many more Projekte, Shows, das am Vibe halten, das es immer weiter wächst, mehr Leute kennen und hören. Noch mehr Feedback und Zusammenarbeit. Just stay tuned, there are mad things come up! (lacht)

Wie siehst du die Entwicklung der deutschen Dancehall-Szene? Versucht man, den jamaikanischen Style auf Deutsch zu etablieren?

Ja, das denk ich auch. Das ist aber auch ein Prozess. Weisst du, die deutsche Szene fing an, das nachzumachen, auf Englisch zu singen, so abzugehen wie die – vielleicht vor 20 Jahren. Sie haben ja nicht gleich auf Deutsch losgelegt, sondern erstmal auf Englisch gesungen. Das hat sich etabliert.

Reggae ist einfach Teil der Popkultur Deutschlands. Jamaika-Koalition, das sagt einfach jedem was (lacht). Die Jungs, die jetzt neu kommen, Slonesta, Flixx’n’Hooch, Ranking Smo, was weis ich, wir sind mit Reggae aufgewachsen. Ich habe meine ersten Bob Marley-CDs gehört, das war für mich normal. Von daher ist es logisch, dass die Leute anfangen, das in ihrer eigenen Sprache auszudrücken. Auf jeden Fall, macht auch Sinn.

Weißt du, in Italien ist es so, da spricht keiner Englisch. Die ganzen MCs sprechen zu 98 Prozent nur Italienisch. Dazu kommt noch Dialekt, Süditalienisch oder sonst was. Die MCs und die ganzen Artists, alle auf Italienisch. Da ist das vollkommen normal.

Dancehall greift da ganz anders, wenn man dann auf Deutsch labern kann. Die Artists, die jetzt da sind, versuchen halt Inhalte zu bringen. Guck mal, Natty Flo macht das schon richtig lang, vielleicht zwölf, fünfzehn Jahre. Der hat auch auf Deutsch angefangen.

Was sind deine Top3 Sentinel „Incounteractable“-Combinations, die du uns verraten kannst?

Lone Ranger, Admiral Bailey, King Kong, Stitchie „4 The Hard Way”, Bob Andy, Marcia Griffiths, Beres Hammon und Beres Hammond & Buju Banton „Who Say”.

Update: Shotta Paul und Meska haben sich 2012 vom Sentinel Sound getrennt und machen als Jugglerz weiter.

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6 Gedanken zu „Sentinel’s Shotta Paul im Interview

  1. Moin
    für alle die es noch nicht gehört/gelesen haben.
    Sentinel hat am 16/10 die Sound Fi Dead Trophy in JA geholt.
    Big Ups to the whole crew!!!!
    Leider ist Sound Trooper, Black Kat und Body Guard nicht angereist – wahrscheinlich die Hosen voll und Trooper hat in Italien Euros geschnuppert ;-)
    Am Ende war es noch Black Scorpio und Tek 9, wobei die letzteren im Dub Fi Dub plattgemacht wurden.

    peace

    1. @Jahlice Bei dem Line-Up hätten sie sich die Dubs dann doch auch per Email schicken können und selbst abstimmen :)

  2. Bullit Bullit. Nice Interview!

    Schön auch mal was von den Leute hinter der Kingston Hot zu lesen. Ein reales Radio wäre natürlich genial. Glückwunsch an Sentinel zum Gewinn des Clash’s.

    Danke an Benjamin Gruner fürs Mitschreiben – Pull up ;)

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