Tiken Jah Fakoly: Interview mit Afrikas Reggae-Superstar

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Eine Hotellobby ist eine Hotellobby, ist eine … . Ja, jedoch diesmal mit dem klitzekleinen Unterschied, dass mir Afrikas Reggae-Superstar Tiken Jah Fakoly gegenüber sitzt. Ganz entspannt, mit einem Glas grünem Tee. Ein Gespräch über die Missstände in Afrika, jamaikanische Musiker und warum Tiken Jah Fakoly kein Rasta ist.

Ein Leben im Exil

Es ist zehn Uhr am Vormittag und die Sonne taucht den Raum in ein goldenes Licht. Draußen ist es kalt. Natürlich viel kälter als in der Elfenbeinküste, Tiken Jahs Heimatland, wo er lebte, bis er vor einigen Jahren ins Exil nach Mali gehen musste.

Wie kam es dazu? Nach seinem ersten national erfolgreichen Soloalbum „Mangercratie“ (1996) und zwei weiteren, gelang ihm 2002 mit „Franceafrique“ der internationale Durchbruch. Er spreche in seiner Musik genau die Themen an, die in seinem Land und in vielen anderen Ländern Afrikas Ursache weitreichender Probleme sind: Korruption, Armut, Verletzung der Menschenrechte, die Rolle Frankreichs und vieles mehr.

Tiken Jah Fakoly auf der Straße
Tiken Jah Fakoly auf der Straße

Den Politikern war er längst ein Dorn im Auge. Auch wenn ihm das keine Schweißperlen auf die Stirn trieb, blieb ihm nach mehreren Morddrohungen und unter dem politischen Druck des Präsidenten Laurent Gbagbo nichts anderes übrig, als das Land zu verlassen.

Schön anzuschauen

Besonders störe ihn, dass die „ehemalige“ Kolonialmacht Frankreich nach der Unabhängigkeit der Elfenbeinküste 1960 immer noch genauso präsent sei, wie vorher. Es dominiere, genau wie zuvor, die Wirtschaft und die Politik, „die wirklich schön anzuschauende Unabhängigkeitserklärung“, belustigt sich Tiken Jah, „ist eigentlich nichts wert.“ Die meisten Politiker und Wirtschaftsbosse gelten als von Frankreich „abhängig“. Diese kleine Oberschicht fürchtet um Macht und Reichtum.

„Was meinst du, wo das ganze Geld bleibt, das nach Afrika fließt? Das geht in die Taschen dieser piekfeinen Leute. Leute, die das Land führen, die aber selbst nicht an ihr System glauben. Denkst du, dass auch nur ein einziger Politiker oder Wirtschaftsboss in seinem eigenen Land zum Arzt gehen würde, die fliegen alle nach Frankreich, England oder in die USA. Die Kinder von diesen Leuten findest du auf keiner staatlichen Schule. Nicht eines. Die besuchen alle französische Schulen, oder amerikanische.“

Sly und Robbie – Ikonen der Reggae-Musik

Ich möchte, dass er mir erklärt, warum seit einigen Jahren so viele Künstler mit den jamaikanischen Produzenten Sly und Robbie zusammen arbeiten wollen. Tiken Jah überlegt nicht lange, sie seien exzellente Musiker. Er sagt das in einem Ton, als könnte man sicher annehmen, dass das bereits jeder weiß. Sie hätten mit den berühmtesten Reggae-Musikern musiziert und produziert, sogar mit Bob Marley.

Sly und Robbie sind Ikonen der Reggae-Musik.“ Außerdem seien sie Jamaikaner und dort ist der Reggae entstanden. Als er ihnen das erste Mal begegnet sei, sagt er, sei ihm sofort der Unterschied zwischen einem Bassspieler und einem Bassspieler, zwischen einem Drummer und einem Drummer, klar geworden. Während er das sagt beugt er sich etwas vor und legt die Finger seiner Hand auf die Tischkante vor ihm: „Die beiden sind wirklich phantastisch.“

Haile Selassie ist kein Gott

Spricht jemand von Reggae, fällt oft im gleichen Atemzug der Begriff „Rasta“. Ich frage Tiken Jah, ob er sich als Rasta sieht. „Nein“, nicht wirklich. Sicher, er singe schon darüber, über Haile Selassie und so, aber damit unterstütze er eher seine Brüder in Jamaika, als dass er selbst überzeugter Rasta sei. Rastas würden Haile Selassie als Gott ansehen, für Afrikaner hingegen sei er zwar ein wichtiger Kämpfer für Unabhängigkeit und Menschenrechte gewesen, aber kein Gott.

„Ich habe großen Respekt vor der Philosophie der Jamaikaner, aber es ist eben nicht die afrikanische Philosophie.“ Im Übrigen sei für ihn jeder ein echter Rasta, schwarz oder weiß, der sich für die Gleichheit aller Menschen einsetzte; „einer, wie der Verleger Marcus Garvey. Ich spüre in mir eine große Nähe zur Philosophie von Marcus Garvey. Er war kein Mystiker, kein Gott. Er war ganz praktisch und kämpfte für die Rechte der Menschen. Das gefällt mir.“

Kontinentale Korruption

Wenn heute die Rede von Afrika ist, hören wir von Kriminalität, Gewalt, Verletzung der Menschenrechte, Flüchtlingsdramen, Hungersnöten, Krieg, Armut und Ausbeutung. Das war doch nicht immer so? „Nein, sicher nicht“, Afrika habe viele Reichtümer: sozio-kulturelle, religiöse und viele, viele Rohstoffe. Das Schlimme sei eben, dass fast der ganze Kontinent unter extremer Korruption leide.

Tiken Jah Fakoly sitzt ungern etwas aus
Tiken Jah Fakoly sitzt ungern etwas aus

Was das bedeute, ließe sich wunderbar am Kongo studieren. „Ist die Balance in einem Land erstmal gestört, gibt es Bürgerkrieg, jeder kämpft gegen jeden und es dauert nicht lange, bis das Volk völlig ausgeblutet ist – im wahrsten Sinne des Wortes.“ Dabei sei der Kongo im Grunde ein an Rohstoffen außerordentlich reiches Land. „Was dort geschieht, ist unglaublich und wir, damit meine ich alle Afrikaner, müssen uns dafür schämen.“

Revolution für den Kommunismus

Tiken Jah spielte im vergangenen Jahr ein Konzert bei der Fete de La Humanite in Paris. Das Musikfest wurde von der kommunistischen Partei organisiert und zog 500.000 Besucher an. Ist der Auftritt ein politisches Bekenntnis, frage ich ihn. „Ja, das kannst du so sehen“, obwohl – er lacht – in der Elfenbeinküste müsse es erst eine Revolution geben, damit der Kommunismus Raum gewinnen könnte.

Stattdessen hinterlasse der Kapitalismus gerade tiefste Spuren. Das größte Problem dabei sei der Konsum. Handys, Autos, Klamotten: Es gebe keinerlei Rücksicht mehr untereinander. „Unsere Länder sind gerade 50 Jahre unabhängig, da habe ich schon Verständnis, aber diese Phase des zügellosen Konsums müssen wir schnell überwinden.“

Neues Tiken Jah Fakoly Album in Planung

Nach über einer Stunde drängt die Zeit. Wir gehen gemeinsam in die Sonne und es gibt noch ein paar Fotos. Nach seinem Album „Coup de Gueule“ (2004) und „L‘ Africain“ (2007) ist im Dezember 2008 „Live á Paris“ erschienen. Inzwischen gilt Tiken Jah Fakoly als einflussreichster Reggae-Musiker Afrikas und hat sogar sein Vorbild, Alpha Blondy, überflügelt.

Tiken Jah Fakoly und Autor Guido Barth
Tiken Jah Fakoly und Guido Barth (Autor)

Ein neues Album ist für 2010 geplant. „Was das genau wird, kann ich noch nicht sagen.“ Er lacht mit seinen strahlend weißen Zähnen. „Ich hätte Lust, es ‚African Revolution’ zu nennen.“

2 Gedanken zu „Tiken Jah Fakoly: Interview mit Afrikas Reggae-Superstar

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