Melodiemann zeigt, wie UK Roots und Steppers auf Deutsch gehen (EP Review)

Kategorien Alben & EPs, Gute Musik
Sänger Melodiemann mit Mikrofon in der Hand auf dem EP Plattencover

Juni 2018. Die Nachmittagssonne guckt durchs Blätterdach, neugierig zu erfahren, was da im Wald rumst.

Das Roots Descendents Soundsystem pumpt Bässe über die Lichtung. Wir feiern das Reggae-Share-Ity Festival.

Plötzlich deutsche Lyriks aus den Lautsprechern: „Lebe auf, lebe auf, lebe auf …“.

Ein paar Wochen später hab ich Melodiemanns EP Lebe Auf in Berlin gekauft. Und seitdem ring ich mit mir, wie ich die Platte finden soll.

Von Soundsystems für Soundsystems

Das Projekt ist spannend: vier Lieder mit deutschen Texten auf UK-inspiriertem Roots und Steppers. Jedes Lied kommt mit einer Dub-Version. Richtig, richtig fett, vor allem auf einem Soundsystem.

Kein Wunder. Melodiemann ist MC beim Joyful Noise Soundsystem aus Freiburg und die Augsburger Kollegen vom Collynization Soundsystem haben mitproduziert. Die Jungs und Mädels wissen halt, wie das klingen muss. Ich weiß nicht, ob es das so schon mal gab. Allein deshalb hab ich die Platte gern gekauft.

Bis hierher also alles dufte.

Rasta-Botschaften auf Deutsch

Aber dieser Melodiemann, der irritiert mich. Er singt von Liebe, Frieden, Waffendeals, Gott, manipulierten Menschen, vom kaputten System und von Soundsystem-Kultur. Das ist richtig. Das ist wichtig (für mich manchmal zu orthodox). Und normalerweise reagier ich darauf, irgendwie. Warum nicht bei Melodiemann?

Die Sprache. Es ist seine Sprache und sein Stil. Melodiemann singt sehr akkurat und formuliert, als würde er einen Aufsatz vorlesen, teilweise. Oder als hätte ein Rasta-Sänger seine englischen Texte in den Google Translator geschrieben:

„Ein Königreich steigt auf und ein Königreich fällt. Die Hälfte der Story wurd‘ niemals erzählt.“

„Geh mit Gott, egal welcher Name, werd ein Teil von seiner Armee.“

„Stark wie ein Löwe. Unser Rückgrat ist gestählt.“

Oder diese Zeile (bei der mich der sehr einfache Fussball-Vergleich … traurig macht):

„Raggamuffin Melodie kickt Reime wie Fussball. Dubplate Selection. Ich treff meine Wortwahl.“

Wirkt steif und holpert manchmal arg.

Was mich auch rauszieht: Melodiemann betont ab und an anders als ich natürlich spreche. Das fängt schon in Chorus des Titeltracks Lebe Auf an. Vielleicht regional bedingt?

Trotz allem würde ich mir die Platte wieder kaufen. Steckt viel Liebe, Arbeit und Energie drin.

Und ich find’s großartig, dass da mal ein paar Leute etwas ausprobieren. Ähnliches hab ich zuletzt 2016 gehört: Ich Bin Wie Ich Bin (Wicked and Bonny feat. Benjamin Stötter) und Semi Auto (Eastrow Redemption feat. Stereo Luchs).

Trackliste: Melodiemann – Lebe Auf EP

  • A1 Melodiemann – Lebe Auf
  • A2 Christuff – Lebe Auf Dub
  • A3 Melodiemann – Weltfrieden
  • A4 Tamrin – Tightness In Dub (HÖRTIPP)
  • B1 Melodiemann – Tanzsaal
  • B2 Tamrin – Warrior March
  • B3 Melodiemann – Erdenmensch
  • B4 Li’l Zè – Cry Of Freedom

Ein paar Hörproben laufen drüben bei Soundcloud.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Schmeißt den Laden hier. Mag Reggae und Rub-a-Dub mit Bass. Und manchmal HipHop. Liebt echte Soundsystems. Schreibt auch für's Riddim Magazin. Musiktipps gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

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