TKZ aka TangoKiloZulu im Studio

„Hier läuft kein Tune, den ich nicht zu 100 Prozent fühle.“ (TKZ aka TangoKiloZulu)

TKZ aka TangoKiloZulu im Studio
TKZ aka TangoKiloZulu im Studio

Ende der 1990er Jahre holte Reggae mich zu sich. Damals liefen im Berliner Radio regelmäßige Genre-Sendungen wie Blackboard Jungle (Radio Fritz) und Dubsolution (Radio Eins). Inzwischen alles gestrichen. Reggae ist tot im deutschen Radio, bis auf ein paar lokale Aktivisten.

Das Internet hat übernommen und einer der Fleißigsten ist TKZ aka TangoKiloZulu aus Stuttgart. Seit rund drei Jahren stellt er monatlich die zweistündige Rootikal Radioshow online.

Wie viel Zeit steckt eigentlich in so einer Radioshow? Woher bezieht TKZ seine Musik? Und was hat es mit dem Dancehall-Artist TKZ auf sich? Alle Antworten bekommt ihr nachfolgend im Interview.

Im Februar 2015 hast du die erste Rootikal Radioshow auf Soundcloud hochgeladen. Bis jetzt sind es 34 Sendungen.

TKZ aka TangoKiloZulu: Am Anfang war das eine Idee, ein Test. Ich habe relativ schnell gemerkt, dass es mir richtig Spaß macht und die Leute dankbar dafür sind, das in dieser Form präsentiert zu bekommen. Inzwischen ist es ein super Ausgleich zum stressigen Alltag und ich konnte darüber meine Kontakte in die Roots- & Dub-Szene vertiefen und meine große Faszination und Liebe für diese Musik und Kultur ausleben. Ich bekomme tolles Feedback auf die Shows aus aller Welt und habe eine richtige Stammhörerschaft. Die fragt direkt nach, wenn eine Show mal nicht sofort zum beabsichtigten Zeitpunkt online ist. Shout an dieser Stelle an die Jugglerz, die mich überhaupt erst dazu motiviert haben, die Show ins Leben zu rufen und natürlich an alle Stammhörer und Supporter.

Was hat sich seit den Anfangstagen verändert bzw. was hast du über die Zeit gelernt?

TKZ aka TangoKiloZulu: Ich moderiere routinierter und kann es daher auch selbst mehr genießen. Außerdem muss ich nicht mehr aus hundert Quellen die Tunes beziehen und hustlen, sondern viele Produzenten schicken die schon automatisch. Als ich gemerkt habe, dass meine Zuhörerschaft immer internationaler wird, habe ich beschlossen auf Englisch weiter zu machen, was viele deutsche Hörer schade finden, glaube ich. Aber ich dachte, die meisten Deutschen kommen auf Englisch klar und so hat der Japaner oder der Mexikaner auch was davon. Mir war wichtiger, dass mehr Leute die positive Message verstehen.

Studiozeit mit Gast
Studiozeit mit Gast

Was muss ein Tune haben, damit du ihn in deiner Show spielst?

TKZ aka TangoKiloZulu: Der Tune muss fett sein oder eine Emotion in mir auslösen. Ich brauche diese gewisse Energie. Die hat mich von Anfang an an Dancehall fasziniert. Es geht mir sehr viel um die Bassline. Ein guter Tune sollte Druck haben. Es gibt Tunes, da bekomme ich Gänsehaut, und es gibt Tunes, da muss ich fast heulen, weil mich die Musik so packt. In meinen Shows läuft jedenfalls kein Tune, den ich nicht zu 100 Prozent fühle und feiere.

Du hast bereits erwähnt, dass du deine Musik inzwischen oft direkt von den Produzenten bekommst. Welche Quelle zapfst du noch an?

TKZ aka TangoKiloZulu: Manches finde ich auf Blogs wie deinem. Manches bekomme ich über Social Media mit oder klassisch über das Riddim Magazine (das nicht sterben darf, also holt euch ein Abo!) oder über Bekannte und Gleichgesinnte. Oder ich höre es in einem Mix oder sogar in einer andere Radioshow. Dann suche und recherchiere ich, wo ich das Teil bekomme. Nicht immer einfach, da in der Dub-Szene auch strictly Vinyl oder Auflagen von 500 Stück oder weniger Gang und Gebe sind. Ich spiel 100 Prozent digital.

Vermutlich steckst du wie ich auch in diversen Promo-Verteilern.

TKZ aka TangoKiloZulu: Ja, das ist wirklich eine große Erleichterung. Ich bin in ein paar Verteilern und das meiste läuft über den direkt Kontakt zum Artist, Produzenten oder Labels. Ich schreibe zum Beispiel regelmäßig mit Dougie Conscious, den ich auch mal zur Rootikal Session nach Stuttgart eingeladen habe. Neulich war ich ihn in London besuchen. Da muss man dann schon im Austausch bleiben, dann gibt es die neuesten Pre-Releases oder Exclusive Tunes und manchmal sogar Dubplates. Viele Musikschaffende haben die Rootikal Radioshow inzwischen als gutes Promo-Tool für sich erkannt und schicken einfach so einen Download-Link durch.

TKZ & Uli Nefzer bei Dougie Conscious in London
TKZ & Uli Nefzer bei Dougie Conscious in London

Wie viel Zeit wendest du monatlich für die Recherche auf?

TKZ aka TangoKiloZulu: Es ist sehr gestückelt, hier mal eine Stunde und da mal ein Tape hören. Ich würde sagen, dass es so rund zehn bis zwölf Stunden sein könnten.

Und wie lange dauert die Produktion einer zweistündige Rootikal Radioshow?

TKZ aka TangoKiloZulu: Also bestimmt 20 bis 25 Stunden gehen drauf für Recherche, Kontakt mit den Leuten, schreiben, Tunes finden und bekommen, anhören, bewerten Selektion für die Show machen, Infos zu den Tunes und Künstlern recherchieren und aufschreiben. Die Selektion ist meist das schwierigste. Ich habe manchmal 100 geile Tunes im Ordner, die ich gern den Hörern zeigen würde, und muss mich für grob 40 Stück entscheiden. Die muss ich dann sinnvoll und mit Flow und Spannungsbogen in eine Reihenfolge bringen. Das eigentliche Aufnehmen bei meinem Kumpel Klempner im Studio geht dann vergleichsweise schnell, grob drei bis vier Stunden. Viel Zeit geht dann noch dafür drauf, die Show bekannt zu machen. Das sind dann nochmal vier Stunden.

Grob überschlagen kommt da eine komplette 40-Stunden-Arbeitswoche zusammen …

TKZ aka TangoKiloZulu: Ja. Ich bin hauptberuflich selbständig mit einer Kommunikationsagentur und habe da locker eine 60-Stunden-Woche. Ich verwende also echt viel Freizeit für die Show, ohne einen Cent dafür zu bekommen. Ich mache es für die Musik, die Leute und mich.

Welche Technik verwendest du für die Produktion?

TKZ aka TangoKiloZulu: Im Studio steht ein PC mit Cubase zum Aufnehmen. Dann habe ich noch mein Macbook mit Serato und den Numark Mixtrack Pro II Controller.

Das Internet funktioniert ja dann doch nicht so, dass die Hörer einfach kommen. Du hast schon gesagt, dass du rund vier Stunden pro Rootikal Radioshow investierst, um sie bekannt zu machen. Zum Beispiel markierst du in deinen Facebook-Posts alle Künstler, die in einer Sendung vorkommen, schreibst einen Newsletter, antwortest auf fast alle Kommentare.

TKZ aka TangoKiloZulu: Ja, das muss schon sein. Ich finde die Interaktion mit den Hörern auch toll. Das positive Feedback und die vielen Plays sind mein Lohn. Ich freu mich, dass es andere freut. Das mit den Künstlern ist wichtig, damit die es auch in ihre Kanäle spreaden, die Show einen guten Ruf bekommt und die Hörerschaft wächst. Und, wie vorhin schon erwähnt, dass ich in Austausch mit den Künstlern und Produzenten bleiben, um leichter an die Tunes zu kommen,

Was deine Hörer vielleicht nicht wissen, du warst früher mit deinem Namen TKZ auch als Dancehall-Artist unterwegs. 2002 hast du die 10inch Raggabazooka veröffentlicht und 2012 mit Politesse den Kickdown Riddim (Jugglerz Records) gevoict. Warum hast du das nicht weiter verfolgt?

TKZ aka TangoKiloZulu: Das war eine andere Zeit. Ich war jung, neu in der Großstadt und voller Tatendrang. Ich habe meine große Liebe HipHop ausgelebt. Ende der 90er kamen Jungle und Dancehall auf mich zu. Ich wollte aktiv sein, was machen. Und so war ich mit der HipHop-Band Zweiblatt unterwegs, als Solo-MC TKZ, als Freestyler auf Battles und als Soundsystem MC bei verschiedenen Sounds wie Natural Mystic Sound, Topshotta Sound, Blessed Love Sound und Lucky Punch. Dann kamen die Veröffentlichungen und Auftritte als Raggabazooka. Aber irgendwann hatte ich weniger Zeit und Muße dafür, war nicht mehr so die Rampensau und wollte meine Ausbildung fertig machen. 2012 gab es mit Politesse für Jugglerz ein witziges kleines Revival.

Aber ich habe gemerkt, dass es mir nicht mehr so einfach von der Hand ging und das nicht meine Zukunft ist. Wenn ich was mache, dann will ich es richtig machen und dann hätte ich alles auf eine Karte setzen und mich nur noch aufs Artist sein konzentrieren müssen. Verlockend, aber zu riskant. Es freut mich, dass einige der damaligen Wegbegleiter es mit Musik geschafft haben und davon nun gut leben können. Maeckes von den Orsons, Fetsum oder Chefket zum Beispiel.

Du hast deine angesprochene 10inch Raggabazooka über Soundschieber Records veröffentlicht. Was war das für ein Label?

TKZ aka TangoKiloZulu: Soundschieber Records war unser Indielabel von Zweiblatt, Tibrowski und mir. Wir haben unsere Musik selbst rausgebracht, in Polen Platten pressen lassen und über den Schulzritter Versand vertrieben. Später waren wir dann bei Four Music im Vertrieb. Wir hatten kurz die Hoffnung mit Musik berühmt zu werden und richtig durchzustarten. Es hat nicht gezündet und bei uns allen hat sich zwangsläufig der Fokus verschoben. Musik als Hobby leben aber alle alten Soundschieber nach wie vor aktiv aus. Music was my fist love …

Alle Ausgaben der Rootikal Radioshow könnt ihr euch auf Soundcloud anhören. Ein weiteres spannendes Interview mit TKZ lest ihr bei Irie Ites.

Nils

Reggae Vinyl Liebhaber, Sound System Enthusiast, digital interessiert, freier Autor beim Riddim Magazin. Musiktipps immer gern an: socialdread (at) googlemail (dot) com.

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