Summerjam Festival 2017 – Weniger ist mehr (Recap)

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Was wird im Vorfeld des Summerjams nicht immer gemeckert: zu wenig Reggae – zu viel HipHop, zu wenig Roots – zu viel Kommerz. Ich war auch in diesem Jahr auf Deutschlands größtem Reggae-Festival unterwegs und erzähle euch, ob die Kritik berechtigt ist.

Zisch. Klack. Das erste Bier geöffnet, das Zelt ist aufgeworfen und schon wird nicht nur die Kehle befeuchtet, sondern gleich der ganze Körper nass. Denn nachdem wir uns beim Aufbau über die Sonne wundern, tritt nun das ein, was der Wetterbericht bereits für das komplette Wochenende angekündigt hatte: Regen! Aber hey, als jahrelang erprobte Festivalbesucher lassen wir uns davon nicht die Vibes vermiesen.

Donnerstag am Riddim Roots Center mit Tóke & Nattali Rize

Es ist Donnerstag. Offiziell beginnt das Festival erst morgen. Aber die liebe Family vom Riddim Magazin hat am Roots Center (P2) bereits ein Pre-Opening-Programm auf die Beine gestellt, das es in sich hat. Bevor der Abend so richtig beginnt, heißt es erst einmal viele bekannte Gesichter wiederzutreffen: Hille, Gründer von Help Jamaica und Selecta bei SoundQuake, Ellen & Pete, die Chefredakteure der Riddim, Tóke und viele, viele mehr. It’s a family ting, seen!

Neben Sound vom Kölschen Vinyl Thursday gibt’s an diesem Abend exklusive Akustik-Gigs von Tóke und Nattali Rize, die den Besuchern schon einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden drei Tage Summerjam geben. Die etwas improvisierte Bühnensituation meistern die beiden Künstler bestens und liefern tolle Shows. Akustik hat einfach dieses spezielle Etwas. Danach übernehmen die Soundbwoys das Roots Center und drehen noch ein paar Stunden die Plattenteller. Lautstärke-Auflagen trüben die Stimmung leider etwas. Denn nicht nur, dass schon relativ zeitig die Musik ausgedreht wird, bereits während der Party ist der Sound der Anlage dürftig.

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Tóke begeistert das Publikum schon vor dem offiziellen Summerjam Startschuss (Foto: Florian Kneffel)

Vorteil am eher miesen Wetter: lange Schlafen ist machbar. Während die Sonne das Gemütlich-im-Zelt-liegen sonst ab 9 Uhr unmöglich macht, bleiben wir in den folgenden Tagen meist noch circa zwei Stunden länger im Land der Träume. Zum Frühstück geht’s zu den Zeltnachbarn, die in diesem Jahr wieder groß aufgefahren haben: zwei Pavillons, mehrere Fackeln, eine Feuertonne, ein großer Vorrat an Essen und Getränken, viel Crash-Ice und und und. Sogar eine Couch haben sie dabei, das macht die Wohlfühlatmosphäre vollends komplett. Big Up! an Fabio und den Rest der Crew.

Nachdem wir uns kurz erfrischt haben, machen wir uns pünktlich auf den Weg in Richtung Festivalinsel. Von schärferen Einlasskontrollen bekommen die Besucher nur wenig mit, lediglich das Rucksack-Verbot ist neu. Von der allgemeinen Unsicherheitslage in der Welt scheinen aber doch ein paar Leute abgeschreckt zu sein. Oder liegt es am Line-up, dass der Fühlinger See 2017 deutlich weniger bevölkert ist als in den Jahren zuvor? Die Zeltplatzsuche erleichterte das jedenfalls enorm. Aber auch allgemein tun die gefühlt 5.000 Leute weniger der Stimmung und dem Festival, meiner Meinung, nach sehr gut. Der Veranstalter sieht das sicher etwas anders.

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Die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz lief dieses Jahr entspannter ab (Foto: Florian Kneffel)

Summerjam-Eröffnung mit den Jugglerz

Die Ehre, das Festival zu eröffnen, gehört in diesem Jahr den Jugglerz. Die bringen nicht nur ihre Radioshow auf die Mainstage, sondern auch ihre Label-Artists und Freunde. So gibt’s am Freitag KAAS von den Orsons und Rudebwoy mit Karen Firlej auf die Ohren. Bekanntlich ist die Hauptbühne (Red Stage) am Festival-Freitag eher HipHop-lastig, sodass es uns auf die kleinere Green Stage zieht. Dort erleben wir als erstes Runkus, ein junger Jamaikaner, der musikalisch super ins Roots Revival passt und mit seiner leichten Stimme für entspannte Stimmung sorgt.

Weiter geht’s mit Nattali Rize, die es geschafft hat, sich in kürzester Zeit in der Reggae-Welt einen Namen zu machen. Die Australierin macht nicht nur tolle Musik, sondern besticht auch mit ihrer Art und ihren Messages: „One People“ ist für mich eine der Reggae-Anthems der letzten Jahre. Live gibt’s zum Song dazu noch eine mehrminütige, emotionale Rede – auf der jeweiligen Landessprache!

Da ich Jah9 in den letzten Jahren schon häufiger sah, geht es für uns zum nächsten Act vor die Red Stage: Mit Joy Denalane ist da eine der besten Stimmen Deutschlands zu hören. Ein bisschen HipHop, viel Soul und eine charismatische Frau bilden ein Gesamtpaket, das ihr mal erlebt haben solltet.

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Joy Denalane überzeugt auf dem Summerjam 2017 mit großer Stimme und viel Soul (Foto: Florian Kneffel)

Beenie Man auf dem Summerjam 2017

Nach Meta & The Cornerstones sowie einem kurzen, aber coolen Sound-Set von TRETTMANN, sind wir für den Headliner am Freitag bereit: The King of Dancehall himself – Beenie Man! 2012 an gleicher Stelle war ich etwas enttäuscht, hauptsächlich war damals der schlecht eingestellte Sound dafür verantwortlich. Aber auch diesmal überzeugt mich die Show nicht vollends. Klar, Beenie Man reißt schon ordentlich ab und hat eine dicke Big-Tune-Liste. Aber trotzdem springt der Funke zumindest bei mir nicht komplett über.

Apropos Big-Tune: Was Pow Pow und Sentinel danach in der Dancehall Arena liefern, ist schon amtlich. Zwei Stunden läuft ein Hit nach dem anderen. Ausrastgarantie! Als gegen 3 Uhr Sentinel schließlich in Richtung EDM und Trap abdriftet, machen wir uns auf den Weg zurück zum Zelt. Dieses Jahr dürfen wir sogar über die Festivalinsel abkürzen, das erspart einen Weg von gut 45 Minuten. Ein Traum, dass die Veranstalter diese Neuerung getätigt haben!

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Wer nicht genug bekommen konnte, schlug sich die Nacht in der Dancehall Arena um die Ohren (Foto: Florian Kneffel)

Zweiter Tag auf dem Summerjam 2017 mit Protoje und Damian Marley

Tag 2 verspricht einiges. Nachdem es in der Früh wieder kräftig geregnet hat, sind die Gummistiefel ein fester Begleiter des Tages und beweisen sich noch als nützlich. Der Samstag beginnt wie der Freitag: mit den Jugglerz. Diesmal haben sie ihre Reggae-Linkies dabei und holen neben Miwata auch Jah Sun, Kingseyes und Randy Valentine für kleine Akustik-Sessions auf die Bühne.

Cali P legt danach eine sehr ordentliche Modern Roots Show hin, bevor Danakil aus Frankreich diesen speziellen Band-Vibe an den Fühlinger See holen. Es ist einfach etwas anderes, wenn ein festes Kollektiv zusammenspielt. Und das Tollste an solchen Bandkollektiven im Reggae? Die Brass-Sections! Auch Danakil hat ordentlich Trompeten und Saxophone dabei und steht damit beispielhaft für die tolle französische Reggae-Szene.

Protoje sorgt anschließend für das erste Highlight des Wochenendes. Eine energievolle Show, die den andauernden Nieselregen vergessen macht. Seit einigen Jahren ist Protoje immer wieder auf dem Summerjam zu Gast, doch für ihn ist es jedes Mal wieder etwas Besonderes:

„Für mich ist das Summerjam eines der führenden Reggae-Festivals in der ganzen Welt. Es ist ein Ziel eines jeden Reggae-Artists, einmal auf dem Summerjam Festival spielen zu dürfen. Als ich vor fünf Jahren auf der Green Stage performte, konnte ich es kaum erwarten, auch einmal auf der großen Hauptbühne zu spielen.“

Aufgrund der Pressekonferenz von Protoje führt unser Weg nur kurz zu Irie Révoltés. Die Heidelberger befinden sich ja derzeit auf großer Abschiedstournee, da sich die Bandmitglieder im nächsten Jahr anderen Projekten widmen wollen. Wenige Minuten reichen aber, um zu merken, dass es sich heute nicht lohnt, die Show zu verfolgen. Die Lautstärke ist dermaßen leise, dass sogar die Band Bühnenlautsprecher in Richtung Publikum drehen will. Was mit dem Sound der Green Stage in diesem Jahr los ist, bleibt wohl ein Rätsel – zumal der Bühnenmeister seit vielen Jahren derselbe ist.

Nach einem kurzen Abstecher zu Dub FX, der mich leider nicht so umhaut, ziehen wir weiter zum Homeboy Patrice. Der Sänger ist mit diesem Festival quasi aufgewachsen und kennt wohl jeden Quadratzentimeter des Fühlinger Sees. Seine Show ist schlussendlich sogar Reggae-lastiger als ich gedacht hätte und spätestens bei Soulstorm tanzt das ganze Gelände.

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Lokalmatador Patrice versinkt im Summerjam Lichtermeer (Foto: Florian Kneffel)

Nun ist es Zeit für den Headliner schlechthin, der wohl größte Reggae-Artist unserer Zeit: Damian „Jr. Gong“ Marley. Zu unserer Verwunderung finden wir entspannt einen guten Platz in Bühnennähe. Ein weiterer positiver Effekt der etwas geringeren Besucherzahl. Jr. Gong liefert und feuert seine Show ab. Leider etwas zu routiniert für mich, wirkt bisschen wie „einfach die Show heruntergespielt“. Dazu ist das Publikum um mich herum irgendwie lahm. Nichtsdestotrotz springe und feiere ich zum Reggae-Feuerwerk des jüngsten Bob Marley-Sohns, weil fett bleiben die Tunes so oder so.

Da in der Dancehall Arena heute nur die Drunken Masters spielen und dort wohl kein Dancehall zu erwarten ist, geht’s fürs nächtliche Programm, wie am Donnerstag, zum Roots Center, wo unter anderem Shashamane International und Stingray Disco den Sound liefern.

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Auch das Roots Center lud zum Tanz bis spät in die Nacht (Foto: Florian Kneffel)

Dritter Tag auf dem Summerjam 2017 mit Kabaka Pyramid und Toots & The Maytals

So schnell ist das Festival schon wieder vorbei. Ok, ein Tag steht noch bevor, aber trotzdem fühlt sich der Sonntag bereits nach Abschied an. Den Tagesanfang macht JAMARAM – für mich einfach die beste Liveband Deutschlands, da kann sogar SEEED einpacken. Immer wieder ein Highlight die Jungs live zu erleben. Diese Spielfreude, dieser ultra-harmonierende Genremix und die geballte Livepower sind und bleiben einmalig.

Nach einem weiteren Abstecher zum französischen Reggae mit Yaniss Odua, gibt’s das Highlight des Wochenendes: Kabaka Pyramid.

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Kabaka Pyramid bildete das Highlight des Summerjams 2017

Der Junge hat’s einfach drauf: fetter Reggae, fetter HipHop. Die Show macht Spaß. On top gibt’s das Battle gegen sich selbst, Kabaka vs. Pyramid live pon stage. Um auf der Bühne nicht gleich zwei Personen zu sein, doubelt sein Backgroundsänger den Deejay Kabaka. Summa Summarum ergibt das das beste Konzert des Summerjams 2017.

Die Mainstage Soundsystem-Show der Jugglerz verpassen wir anschließend leider, da ich die Ehre habe, Kabaka Pyramid zu einem Interview zu treffen. Ich verrate an dieser Stelle mal noch nichts, denn das Interview könnt ihr in den nächsten Tagen auch hier auf Houseofreggae.de lesen.

„Früher war alles besser“, sagen Omas und Opas gern. Völliger Schwachsinn, wenn ihr mich fragt und psychologisch ganz leicht erklärbar, jedoch ist die Floskel in Bezug auf HipHop manchmal gar nicht so verkehrt. Nämlich vermisse ich manchmal schon den Sound, den beispielweise ein Tupac früher gebracht hat – ihr nicht auch? NAS jedenfalls holt diesen Sound zurück an den Fühlinger See. „So muss HipHop klingen“, denke ich mir und bounce mit meinem Arm im Takt.

Als Abschluss-Act spielen Toots & The Maytals – Legends of Reggae Music. Ich muss aber ehrlich gestehen, dass die Show mich gar nicht kickt. Den Höhepunkt nach dem Feuerwerk bietet ohnehin immer Bühnenmoderator und „Mr. Summerjam“ Andrew Murphy. Wenn er mit dem kompletten Festival Bob Marleys Redemption Song anstimmt, dann kommt die Gänsehaut von ganz allein und das ein oder andere Tränchen bei manchem Besucher bestimmt auch.

Am nächsten Morgen werden wir vom Geräusch herumstreunender Pfandpiraten und abbauenden Festivalbesuchern wach. Einige sehen nach den Tagen dann doch schon etwas mitgenommen aus. Denen muss ‘ne Dusche erst einmal wieder etwas Leben einhauchen. Dank jahrelanger Übung ist das Wurfzelt schnell verpackt und das Festival damit offiziell beendet.

Mein Summerjam 2017 Fazit

Zum Schluss bin ich euch eine Antwort ja noch schuldig: Ist die Kritik am Summerjam nun berechtigt oder nicht? Klar, es ist einerseits kein Reggae Jam, wo Headz auf Headz treffen und der Vibe einfach noch entspannter ist. Und klar, mittlerweile läuft viel HipHop und Artverwandtes auf dem Summerjam. Aber ich finde die Kritik überzogen. Wenn ihr wollt, könnt ihr die kompletten drei Tage durchgängig Reggae-Acts sehen und über den Tellerand hinausblicken kann manchmal ganz interessant sein! Die Veranstalter müssen nur aufpassen, dass die gesunde Mischung nicht irgendwann kippt – Beispiel Chiemsee …

Wart ihr 2017 auch auf dem Summerjam? Dann schreibt mir bitte mal eure Highlights in die Kommentare.

Zusammenfassung
Summerjam Festival 2017 – Weniger ist mehr (Recap)
Titel:
Summerjam Festival 2017 – Weniger ist mehr (Recap)
Beschreibung:
Das Summerjam Festival war auch 2017 wieder großartig, vielleicht auch wegen etwas weniger Besuchern. Neben Joy Denalane haben mich vor allem die Auftritte von Protoje und Kabaka Pyramid begeistert.
Autor:
Veröffentlicht auf:
Houseofreggae.de
Flo
Musik machen, Musik hören, über Musik schreiben – Musik ist mein Leben. Die Liebe zu Reggae und Dancehall begleitet mich seit einigen Jahren und lässt mich nicht mehr los. Big up!

4 Gedanken zu „Summerjam Festival 2017 – Weniger ist mehr (Recap)

  1. Ich habe vielleicht vor nächstes Jahr auf den Summerjam oder den Reggaejam zu gehen. Erzähl mal ist es einfach zur anderen Bühne zu wechseln, da einem der Künstler dort mehr interessiert. Und hast du Alpha Blondy verpasst? Du hast ihn in dem Artikel gar nicht erwähnt. Ich bekomme schon Gänsehaut, wenn ich Jerusalem nur im Online-Stream höre.

    1. Hi Johnny, ich kann nur vom Reggaejam 2016 berichten. Da waren die beiden Konzertbühnen direkt nebeneinander. Dancehall-Zelt und Dub Camp sind ca. 10 Minuten Fußweg weg. Wie das beim Summerjam aussieht, weiß ich nicht.

    2. Hey Johnny,

      die Bühnen beim Summerjam sind ungefähr ein bis zwei Minuten zu Fuß voneinander entfernt. Du kannst also recht schnell zwischen den Bühnen wechseln, jenachdem wie viel Betrieb auf dem Gelände ist. Am späten Abend bei den Headliner-Acts dauerts schon einmal zwei, drei Minuten länger. Zur Dancehall-Arena läuft du dann ungefähr 10 Minuten. Der Rückweg von der Dancehall Arena richtet sich nach deinem Zeltplatz und kann zwischen 2 und 45 Minuten liegen ;) Wie die Bühnensituation beim Reggae Jam aussieht, hat Socialdread ja bereits berichtet.

      Alpha Blondy habe ich dieses Jahr tatsächlich verpasst – man kann eben nicht jeden Act sehen. :) Aber sein Konzert lohnt sich auf jeden Fall mal. Ich habe den Herren Blondy vor ein paar Jahren auf dem Reggae Jam gesehen.

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