Riddim Leser Poll 2016: In eigener Sache & Beobachtungen

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riddim leserpoll, houseofreggae

Die neue Riddim ist da und mit ihr die Ergebnisse der jährlichen Leserumfrage. Erfreulich für meine Mitschreiber und mich: Einige von euch haben Houseofreggae.de wieder zu einer der besten Reggaeseiten in diesem Internet gewählt. Vielen Dank dafür.

Herzlichen Glückwunsch auch an die vier anderen: Reggaeville, Riddim auf Facebook, Jugglerz und meine Jungs und Mädchen von Irie Ites. Alle bekannt aus dem letzten Jahr und dem davor und dem davor und …

Ich hoffe sehr, dass 2017 das Whagwaan Magazine mitmischt. Thomas macht sich richtig viele Gedanken, steigt tief ein und schreibt fundiert. Aussagekräftige Leseproben findet ihr hier und hier und hier. Die einen nennen es Nerdism, ich nenn es … Nerdism.

  • Schreibt mir bitte in die Kommentare, welche Reggae-Websites, außer den hier genannten, ihr noch regelmäßig besucht.

Nun zu meinen Beobachtungen und daraus resultierenden Fragen. Vorweg noch: Der Riddim Leserpoll spiegelt natürlich nur bedingt wieder, was im Reggaeland läuft. In einigen Kategorien reichen umgerechnet 60 bis 70 Stimmen, um auf Platz 1 zu laden.

Beobachtung 1: Reggae International ist nur Jamaika

Bester Künstler, Bester Tune, Bester Newcomer, Bestes Album … international stehen nur Jamaikaner auf den Listen. Sicher, Jamaika ist das Mutterland und die Jungs und Mädels dort hauen Musik raus wie am Fließband. Sie reiten ein Instrumental nach dem anderen, sind dadurch immer parat auf Facebook, YouTube, Mixtapes. Allein durch die pure Masse landen sie vermutlich in solchen Umfragen immer ganz oben (in diesem konkreten Fall eventuell auch wegen des jamaikafokussierten Umfragemediums). Die musikalische Qualität kann es nicht zwingend sein.

Die restliche Welt arbeitet eher zwei Jahre und mehr an Alben und verschwindet in der Zwischenzeit in der Versenkung. Oder sie holt sich jamaikanische Künstler auf ihre Riddims.

  • Interessieren euch nicht-jamaikanische Künstler grundsätzlich auch oder hört ihr nur das Original?
  • Machen nicht-jamaikanische Künstler zu wenig auf Riddim only Tracks?

Beobachtung 2: Reggae National ist eher egal

Ich muss hier immer den Vergleich zum deutschen HipHop ziehen, auch wenn die Szene sicher anders funktioniert. Kürzlich hatte ich das JUICE Magazin in der Hand und war einmal mehr überrascht, wie viele deutsche Rapper es gibt. Auf jeder zweiten Seite des Magazins wurde ein anderer vorgestellt. Es gibt unfassbar viele Charaktere und Typen. Gangster, Denker, Spaßvögel, Muskelberge, Schmalhanse, Frauen, Männer, Trap, 90er, Brüder (genetisch gemeint), …

Und was gibt es im deutschen Reggae? Eigentlich nur liebe Jungs wie Ganjaman, Gentleman, Miwata oder Toké mit Konsensmusik. Das ist so ein bisschen wie beim Reggae Grammy, wo auch immer dieselben Namen auf der Liste stehen mit Musik, auf die wir uns alle einigen können.

Kein Wunder, dass Charakter-Typen wie Bonez MC und RAF CAMORA mit ihrem Album Palmen Aus Plastik aus dem Stand vorbeiballern. Da passiert halt mal was. Ähnlich wie vorher Trettmann spalten sie die Meinungen. Palmen Aus Plastik taucht in Bestes Nationales Album, Bester Nationaler Tune, Schlechtester Tune und Schlechtestes Album auf. Selbst in die Hypes und Flopes haben es Bonez und RAF geschafft.

Warum taucht ein Flo Mega mit der Zebra EP inna Rub-a-Dub Stil und der Luxus EP (Grönemeyer-Cover) nirgends auf? Kam auch aus dem Nichts mit etwas Neuem und wäre mindestens als Newcomer sinnvoller als Miwata und Trettmann. Aber gut, ich hab auch die Reggaebrille seit fast zehn Jahren auf. Vielleicht entdecken die Riddim-Leser Miwata und Trettmann tatsächlich jährlich neu?

Zurück zum deutschen HipHop und jetzt mal „Real Talk“: Ich versuche immer wieder, deutschem Reggae auf Houseofreggae.de Raum zu geben. Leider stelle ich dabei häufig fest, dass das Produktionsniveau sehr niedrig ist oder er zu stark im Eine-Liebe-Kunterbunt-Kosmos beziehungsweise genau der anderen Seite festhängt oder er sich nichts traut.

Ich schreibe diese Zeilen regelmäßig, weil ich glaube, dass deutscher Reggae und Dancehall mehr kann, als sie aktuell zeigen. Reggae hat eine längere Geschichte als HipHop, unterschiedliche Epochen … nehmt euch die mal ordentlich vor. Lasst euch nicht von irgendwelchen Nerds und Real Keepern einschüchtern. Macht einfach mal, vor allem macht mal etwas Neues und bringt Leben in die Bude.

Und kommt mir nicht mit „Es gibt keine Unterstützung dafür“! Mein Projekt Pupa Sock ist nur da, weil ich frischen Wind in die Szene bringen möchte. Und wenn ihr das konstant macht und lebendig und anders seid, kommen auch die Hörer, die Unterstützer.

  • Beschäftigt ihr euch grundsätzlich mit der deutschen Reggaeszene?
  • Welche nationalern Reggaekünstler kennt und hört ihr?

Ich freu mich auf ausufernde Diskussionen in den Kommentaren.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Reggae Vinyl Liebhaber, Sound System Enthusiast, digital interessiert, freier Autor beim Riddim Magazin. Musiktipps immer gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

13 Gedanken zu „Riddim Leser Poll 2016: In eigener Sache & Beobachtungen

  1. Mir fehlt im Deutschen Reggae mittlerweile dieser einfach Style. Jemand schnapp sich einen fertigen Riddim, singt darauf ein paar Texte drauf, tontechnisch nicht sonderlich gut aber mit wunderbarer Message.

    1. Hi Rastawelt, vielen Dank, dass du das ansprichst. Genau das fehlt mir auch. Bei der Sleng Teng Challenge 2014 hat es ein bisschen funktioniert, obwohl selbst dort einige Künstler statt der 16 Zeilen ganze Lieder augenommen haben. Ich habe manchmal das Gefühl, die Künstler verenden an Ansprüchen, die sie nicht erfüllen können. Dieses lässige Ich-mach-einfach-mal traut sich kaum jemand.

  2. Das mit der Jamaika-Dominanz ist mir auch im Poll aufgefallen, spiegelt aber auch genau das wieder, was man auf den meisten Festivals im Land im Durchschnitt findet. Jamaikanische Artists dominieren das Lineup und es wird (zu) wenig in Richtung England, Frankreich etc. geschaut, wo auch aktuell verdammt guter Reggae und Dub produziert wird. Viel zu selten werden Artists wie The Skints, Talisman, Brain Damage, Dub Dynasty und Solo Banton oder Produzenten wie Prince Fatty gebucht.
    Ähnlich verhält es sich auch mit deutschen Artists. Wenn es sich gerade um die ganz großen Namen handelt, die auch in Mainstreamradios ihren Platz gefunden haben, sieht man sie fast nur in sehr frühen und oft undankbaren Slots am Nachmittag. Da fehlt anscheinend der Support un Mut seitens der Veranstalter und auch der Fans. Echt schade!

    1. Salut Karsten,
      ich bin gerade mal grob über die bisherigen Festival-Line-Ups in Deutschland geflogen: Ja, da ist wirklich nicht viel aus dem Umland dabei. Klar, beim Veranstalter muss auch am Ende die Kasse stimmen. Mehr Mut wär dennoch dufte, nicht nur, um die heimische Szene zu pushen.

  3. Warum gibts eigentlich die Kategorien schlechtester Tune und schlechtestes Album? Sollten meiner Meinung nach abgeschafft werden, bringt doch niemandem was.
    Du machst einen guten Punkt, wenn du dich über die Dominanz von Jamaika beschwerst. Zumindest die französische und englische Szene haben einiges (auch vielfältiges zu bieten), aber auch hier in der Schweiz, in Spanine, Italien etc. läuft viel. Was mich persönlich stört, ist die Fokussierung auf Einzelne. Meiner Meinung nach zeichnet sich die deutsche Reggaeszene vor allem durch ihre mittelgrossen famosen Bands aus: Jamaram, Jahcoustix, The Steadytones, The Busters usw. Jamaram ist schon seit zehn Jahren dabei, liefert immer grossartige Shows und wird ja sogar im aktuellen Riddim gefeatured.Trotzdem bekommen die Bands irgendiwe nicht die verdiente Aufmerksamkeit (ausser vieleicht Irie Revoltes, wobei die ja kaum noch als Reggaeband bezeichnet werden können).
    Und wer hat eigentlich Albo als besten Live-Act gewählt?? So eine miserable Show wie in Aarau (CH) habe ih noch selten gesehen, es war weder innovativ noch packend, die band hat nichtmal rhytmisch sauber gespielt (ok, am Rototom waren sie deutlich besser, vlt hatten sie einen schlechten tag- er muss aber sehr schlecht gewesen sein)
    Trotz allem kommt der originale Sound aus Jamaika und wenn mit Projekten wie Inna de yard kann schlicht und einfach niemand anderes mithalten. Wenn man von klein auf mit Reggae aufwächst, es täglich hört und singt ist der Zugang komplett anders, als hier in der tristen Schweiz. Hat jemand mal einen tighteren Drummer als Sly gehört? Ausser vlt den von Raging Fyah? ;) Und auch die Sounds und Mischungen erreichen nirgends jamaikanischen Standard. Qualitativ vieleicht schon, aber von den Vibes her kann doch niemand Protoje, Stevie Marley oder eben Inna de yard konmkurrenz machen!

    1. Salut Soundfisch,
      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Vielleicht braucht die Umfrage eine „Beste Nationale Band“-Kategorie oder „Bester Nationaler Act“. „Bester Künstler“ klingt halt schon immer nach Einzelperson und die werden dann enstprechend auch gewählt. Schade drum, denn die deutschen Reggaebands, die du aufzählst, sind wirklich dufte.

      Was den originalen Sound angeht: Ich glaube, den kannst du inzwischen überall auf der Welt herholen. Mein Lieblingsbeispiel ist da immer Roberto Sanchez (A-Lone Ark) aus Spanien. Hört dir mal seine Sachen an, vor allem das ganze Rocksteady-Zeug. Irre, klingt wie Ende 1960er auf Jamaika.

  4. Hab den Leser-Poll dieses Jahr ehrlich gesagt nicht wirklich verfolgt, aber man muss leider auch sagen, dass nicht jeder Artist im Umland Deutschland als potentiellen Markt betrachtet. Vor zwei Jahren habe ich im Vorfeld vom Rototom die Künstler angeschaut, die im Line Up waren und bin auf Naâman aus Frankreich gestoßen. Hat mir damals echt gut gefallen. Auf dem Rototom habe ich dann mit einem ehemaligen Mitarbeiter seines Labels gesprochen, der sehr verwundert war, dass ich als Deutscher wusste, wer das ist, weil sie in Deutschland bewusst keine Promotion, Konzerte, etc. gemacht hatten. Sie waren der Meinung, dass seine Musik in Deutschland nicht gut ankommen würde, was ich nicht verstehen kann…

    Und noch was zum deutschen Reggae: Ich bin meistens ein starker Kritiker von deutschen Artists, aber wir hatten die Tage einen echt sau guten Dance mit Fire Wheel Sound und die hatten Ras Gabriel und Jamok Einz im Gepäck. Die haben genau das geliefert, was Rastawelt im ersten Kommentar angesprochen haben. Gerade Jamok Einz, der mir vorher nicht bekannt war, hat mit seinem lockeren Hausmeisterreggae (https://soundcloud.com/jamok-einz/hausmeisterstyle) das Tanzhällchen zum schmunzeln gebracht und an dem Abend mit mir mindestens einen neuen Fan gewonnen. Leider war die Platte, die er mir geschenkt hat ne Fehlproduktion und klingt total übersteuert, aber ich werde ihn trotzdem weiter verfolgen…

    1. Hi Simon,

      vielen Dank für deinen Input. Spannend, denn ich hab hier definitiv Promotion von Naâman bekommen. Und all die anderen duften europäischen Acts kenne ich meist nur, weil ich Promo-E-Mails etc. bekomme. Also klar, wenn die Festivals anfragen und eine Absage bekommen, dann ist das etwas anderes. Kann ich mir aber kaum vorstellen.

      Jamok Einz ist definitiv ein dufter Typ. Mein Lieblingstrack ist Rasenmäher Fahr’n. Er hat geiler Lyrics und auch eine ganz netten Stil. Braucht halt mal ein paar fette Produktionen ;)

  5. Seit über 15 Jahren bin ich unentwegs auf der Suche nach deutschsprachigen Reggae – zwar höre ich auch das Original aus Jamaica oder auch mir noch fremdere Sprachen wie Dub Inc. – aber am aller liebsten ist mir meine Muttersprache. Angefangen hat damals alles mit Seeed & Jan Delay. Doch aus meiner Sicht ging es dann nicht zuletzt durch Reihen wie „dancehallfieber“ recht schnell. Ich lernte quasi im Monatstakt neue Artitsts, wie Nikitaman, Lazy Youth oder Benjie, kennen. Spätestens so ab Mitte des Jahrzehnts kam alle paar Wochen ein neuer Riddim oder auch ein eine neue Scheibe mit Texten, die ich gut verstand und meiner Realität entsprachen auf den Markt. Da waren auch etliche Perlen dabei, die ich noch heute feiere. Kurz zuvor erkannten auch größere Labels das Potenzial des aufstrebenden deutschen Reggaes und nahmen Künstler, wie Nosliw oder Mellow Mark unter Vertrag. Zudem wurde überall mit Rot-Gelb-Grün und dem „Jamaika-Feeling“ geworben. Puma z. B. hatte eine große auf Jamaika basierte Marketingaktion. Das spornt natürlich auch weniger erfolgreiche Künstler oder auch Sounds an neue Musik aufzunehmen oder Partys zu veranstalten. Doch der Hype war anders als beim Hip Hop sehr schnell vorbei. Meiner Meinung nach taugen Reggae-Fans nicht so gut als Goldesel, was für Firmen dieses Genre ziemlich schnell uninteressant machte. So unlieb ich Großkonzerne habe, so wichtig waren sie doch für den Hype, der vor ca. 15 Jahren entstanden ist. Also flachte es langsam aber sicher wieder ab. Sounds lösten sich auf, Seeed oder P.R. Kantates „Görlie Görlie“ hörte man nicht mehr im Radio und Sportartikelhersteller nutzten lieber Cristiano Ronaldo als den Flair einer Karibikinsel. Auch das riddim Magazin, welches ich bereits seit Heft #1 lese hat ihren Teil dazu beigetragen. Als einziges in Mitteleuropa langjähriges Printmedium in Sachen Reggae nimmt es hier eine wichtige Rolle ein. Auf der CD-Beigabe in Heft #1 waren mit Backyard Crew, D-Flame, Nikitaman & Seeed mindestens vier der (so glaube ich) zehn Tunes zumindest teilweise in deutsch. Heute bin ich froh, wenn einer der Tunes in deutsch ist um dann festzustellen, dass ich den Tune schon vor zwei Monaten als Teil eines Albums gekauft hatte. Zudem schaffen es in deutscher Sprache gefühlt sowieso nur noch Miwata und Trettmann auf die „riddim“. Ansonsten beobachte ich, dass in Deutschland aber auch in Österreich und der Schweiz der Trend hin zur Band geht. Bands wie Mighty Vibez, I-Fire oder Banjoory produzieren ihren Sound Sauber, klingen vom Vibe her authentisch und sind oft auch experimentierfreudiger. Natürlich ist es schwerer mit einer Mehrköpfigen Band neues Material aufzunehmen, als für den Sänger der auf einen bestehenden Riddim singt. Alles in allem kann man, denke ich, sagen das Angebot ist geringer aber nicht schlechter. Es lohnt sich also auch in Zukunft am Ball zu bleiben und neue Sachen zu entdecken. Meine Entdeckung der letzten Monate ist die Band Bermooda.

    Viele Grüße an alle

    1. Hi, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Ich bin auch deiner Meinung: ohne wirtschaftliches Interesse wird ein Genre nur schwer groß beziehungsweise kann sich nur schwer auf einem hohen Level halten. Bestes Beispiel ist das Riddim-Magazin. Wir können wohl davon ausgehen, dass es nur noch vier Mal im Jahr erscheint, weil die Anzeigenkunden fehlen, die das Geld reinbringen. Wenn ich mir im Gegenzug ein HipHop-Magazin wie die JUICE anschauen, aus demselben Verlag. Da wird verkauft. Mit deutschem HipHop lässt sich Geld machen.

      Danke auch für die Bandtipps. Vonr Banjoory und Bermooda habe ich noch nie gehört.

    1. Hey Hannes,
      vielen Dank für den Link. Den hab ich vor ein paar Tagen auch entdeckt. Schöner druckvoller Sound.

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