Aber was bringt’s? Dancehall State of Mind.

Sorry, i am dancehall.

Sorry, I am Dancehall.

Zufällig habe ich am Wochenende in die VIVA Top 100 und damit in die offiziellen deutschen Single-Charts reingeschalten. Vom vorherrschenden Dancehall-Einfluss vieler Songs war ich erfreut und überrascht – teilweise hat es mich aber auch zum Nachdenken gebracht. Ein Kommentar.

Ich behaupte mal: Dancehall ist (wieder) im Mainstream angekommen. Gleichzeitig behaupte ich aber auch: Die meisten Leute wissen gar nicht genau, was sie da hören. Zumindest wissen viele nicht, dass es sich bei den Songs, die sie feiern, um Dancehall handelt. Und darin sehe ich das Problem.

Ganz oben in den Charts thront Ed Sheeran mit Shape Of You – ein entspannter, aber tanzbarer Song mit Dancehall-Beat. Für den rothaarigen Briten ein eher ungewöhnlicher Stil, aber es ist ein guter Song. Der wird sicher nicht selten in den Großraum-Diskos des Landes laufen.

Direkt auf Platz zwei folgt der nächste karibisch-inspirierte Tune, mitsamt dem Mainstream-Dancehallking schlechthin: Sean Paul. Diesmal ist er als Gast bei der britischen Elektropopband Clean Bandit zu hören. Auch der Song überzeugt mit einem tanzbaren Dancehall-Sound, der durch elektronische Klänge und die Melodie massentauglich gemacht wird. Und überhaupt – das sind nicht die einzigen Songs in der Liste, die einen großen Dancehall-Einfluss vorweisen können. Die Aufzählung könnte durchaus fortgeführt werden.

Jeder will mal, jeder darf mal.

Die Lorbeeren, mit Dancehall-Einflüssen wieder Charterfolge feiern zu können, darf sich wohl Major Lazer zuschreiben. Sie waren nach meinem Gefühl die ersten, die vor ein paar Jahren durch einen Stil-Mix basierend auf Dancehall und Reggae den Klang wieder populär gemacht haben. Seitdem, so scheint es, probiert jeder Künstler mit diesem Sound einen erfolgreichen Hit zu landen: Justin Bieber, Sia, Drake, oder nun eben Ed Sheeran und viele, viele mehr. Spätestens seit Palmen aus Plastik von Bonez MC und RAF Camora ist Dancehall auch in Deutschland, vor allem im HipHop, wieder dem breiten Publikum im Bewusstsein.

Doch wo sind nun die jamaikanischen Original-Dancehall-Artists in den Charts? Wo ist ein Mavado? Wo ist ein Alkaline? Richtig: nirgends – zumindest nicht in den VIVA Top 100 oder im Mainstream. Dank Major Lazer haben es zumindest Busy Signal, durch seine Beteiligung an Watch Out Fi Dis, und Tarrus Riley durch Powerful mit Ellie Goulding ins Radio geschafft. Doch jamaikanischen Produktionen gelingt weiterhin nicht der große Durchbruch. Der Sound kommt an, auch in der breiten Masse – so viel steht fest. Aber die Artists, die das Genre prägen und repräsentieren, finden auf dieser Ebene nicht statt.

Ist es also nur ein Trend, der in ein bis zwei Jahren wieder vorbei ist? Oder braucht die Entwicklung einfach nur noch etwas Zeit, bis auch ein Popcaan einen großen Mainstream-Hit landet? Um neue, junge Leute für unsere Dances zu begeistern, kann die Entwicklung nur gut sein. Doch wie eingangs angemerkt: Mir fehlt bei vielen die Erkenntnis, was sie da genau hören. Denn ohne Bewusstsein für die Musikrichtung, werden die Leute auch nicht auf eine Party gehen, wo Dancehall auf dem Flyer steht – „dann doch lieber zur Black-Music Party“.

Für manche ist es dieses „Tropical House“, für andere einfach normale Popmusik, wie sie derzeit wohl klingt. Doch im Grunde genommen feiern sie da Dancehall. Dieses Bewusstsein muss im Mainstream geschaffen werden, dann dürfte das auch für die Szene nachhaltig Wirkung zeigen. Doch bis dahin frage ich: Was bringt’s?

Was denkt ihr? Was bringt der derzeitige Hype um Dancehall im Mainstream? Wie wird es sich entwickeln und wie kann das Bewusstsein für echte Dancehall-Kultur geschaffen werden? Ich bin gespannt auf eure Meinung – schreibt sie mir in die Kommentare!

Flo

Flo

Musik machen, Musik hören, über Musik schreiben – Musik ist mein Leben. Die Liebe zu Reggae und Dancehall begleitet mich seit einigen Jahren und lässt mich nicht mehr los. Big up! | Alle Beiträge

5 Kommentare zu “Aber was bringt’s? Dancehall State of Mind.

  1. DjHype
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    Dabei muss man sich aber auch an der eigenen Nase packen…
    Die meisten Dancehall-Hörer waren früher in ihrem Musikwissen/-interesse auch so eingeschränkt wie die oben kritisierten Hörer und sind es oft heute immernoch genauso.
    Da endet Hip Hop auch mit den glory 90s Sureshots, oder was eben noch daran erinnert.
    Das Gleiche gilt auch für elektronische Ausflüge. Da regiert in der Dancehall oftmals auch nur das Kurz-Hype-Genre, wie z.B „Tropical Bass“ (aka ein Beatport Filter).

    Da hatte umgekehrt der verurteilte „Mainstream-Pop“ teilweise schon mehr Liebe fürs Detail, wenn man mit Dancehalleinfluss eine fremde Kultur adaptiert hat.

     
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  2. KiLion
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    Hahaha, ich hab in den 90ern auch Shabba Ranks und Co gefeiert und es damals für „etwas anderen“ Hip-Hop gehalten.

     
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  3. OHRWO
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    Hi Flo, ich denke, dass es im Mainstream um das Gesamtpacket geht + zum anderen zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. -> Dabei ist im Mainstreamhimmel die Luft verdammt dünn.
    Ich könnte ich mir vorstellen, dass die Essenzen in Jamaika vorhanden sind, nur eben passt ein Faktor nicht (z.b. Vybez Kartell + Ort).
    Gut wäre es, wenn durch die Charterfolge von Dancehall erstemal der Ursprung, des aktuellen Styles beim Namen genannt würde :) und damit eine noch breitere Talentförderung und stabilere Professionalisierung vor Ort stattfinden kann.

    Tja und bei „echte“ Dancehallkultur fällt mir nix ein, erinnert mich an diverse ist nicht real dies und nicht real das…Diskussionen.

    peace

     
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    1. Flo Flo
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      Greetings Ohrwo,
      das stimmt wohl. Ein bisschen Glück gehört auch immer noch dazu. Und viele Artists bzw. deren Management werden es sich zum Teil auch mit Unprofessionalität vermiesen.
      Genau, die Ursprünge benennen und bekannt machen, würde schon sehr viel helfen!

      An diesem Punkt war wohl die Formulierung etwas unglücklich. Wollte damit gar keine real/nicht-real Debatte anführen. Sondern einen Unterschied zwischen MashUp-Dancehall á la den angeführten Beispielen und „reinen“ Dancehall-Produktionen wie Alkaline, Beenie Man,… darstellen. :)

       
  4. Pingback: Dancehall in der Cultural-Appropriation-Falle? | whagwaan magazine

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