David Rodigan Biografie: My Life In Reggae (Pflichtlektüre)

Kategorien An der Ecke
david rodigan

David Rodigan hat seine Biografie My Life In Reggae veröffentlicht. Ich schätze, es wird das Reggaebuch des Jahren 2017 und bald ein Klassiker wie David Katz‘ People Funny Boy: The Genius of Lee „Scratch“ Perry.

=> Einleitung überspringen und direkt weiter zur Rezension

In diesem Jahr wird David Rodigan 66 Jahre alt. Da kann man schon mal auf ein bewegtes Musikleben zurückschauen, das sich über vier Jahrzehnte erstreckt. Eigentlich wollte er keine Biografie veröffentlichen, schreibt Rodigan auf Facebook:

„I was reluctant to publish an autobiography but I was frequently told by artists that I needed to “write it down”, not just for myself but for the music, to document the journey and the sounds we’ve come to love.“

Zum Glück hat er sich überzeugen lassen und wir können demnächst auf 320 Seiten lesen, was der Radiohost, DJ, Clash-Veteran erlebt und vielleicht auch durchgemacht hat.

An dem Buch haben Rodigan und sein Co-Autor Ian Burrell offenbar schon länger gearbeitet. In der Zusammenfassung zu My Life In Reggae heißt es: „Today, at the age of 63, …“ Der britische Journalist Burrell schreibt unter anderem für die Marketing-News-Plattform The Drum, hat früher aber auch mal Ozzy Osbourne interviewt.

Das Coverfoto finde ich sehr sympathisch. Erinnert mich an dieses klassische Motiv von Jimmy Cliff als Outlaw Ivan Martin in The Harder They Come … nur nicht mehr so gelenkig und ohne Pistolen.

david rodigan, biografie
David Rodigan: My Life In Reggae (little, brown Book Group, 2017)

Einfach ein geiler Typ und wir wollen wahrscheinlich alle mit 65 Jahren noch so drauf sein, so voller Liebe und Begeisterung. Ich muss jetzt leider gestehen, dass ich Rodigan noch nie live erlebt habe, obwohl er regelmäßig in Berlin auflegt. 2017 werde ich das nachholen.

Rezension: David Rodigan, der respektable Entertainer

Gastautor Patrick Helber ist Dancehall-Fan, Radiomacher und Reggae-Akademiker. Er hat ein Buch über Dancehall und Homophobie geschrieben und gehört seit 2003 zum Scampylama Soundsystem.

rodigan
Rodigan …

Meine erste Begegnung mit David Rodigan war an Pfingsten 2003. Der britische Radio DJ und Soundclash-Veteran war mir zu diesem Zeitpunkt noch kein Begriff. Der auf dem Ticket abgebildete weiße Herr mit Halbglatze entsprach nicht gerade dem, was ich in meinem Kopf unter Dancehall-Entertainer abgespeichert hatte. Nur auf Empfehlung von Freund hin, folgte ich ihnen auf das Festival anlässlich seines 25-jährigen Bühnenjubiläums auf dem ehemaligen US-Militärflughafen Hahn.

Die dortigen Feierlichkeiten im Kreise internationaler Sounds wie Stone Love, Massive B, Saxon, Bass Odyssey und Killamanjaro, die das Gelände mit ihren Tunes erschütterten, waren beeindruckend und mein erster Kontakt zu jamaikanischer Soundsystem-Kultur jenseits ihrer Adaption durch den schwäbischen Sound Sentinel und einen Summer Jam Besuch 2002.

Neben den massiven Bässen und dem Fakt, dass ein Freund von mir unglücklicherweise von einer tätowierten Zivilpolizistin mit Ganja erwischt wurde, blieb mir Rodigans enorme Begeisterung für die Musik in positiver Erinnerung. Unter anderem verkündete er enthusiastisch den Charterfolg von Sean Pauls Get Busy, das mit den anderen Tunes auf dem Diwali Riddim das Festival musikalisch dominierte.

Jetzt hat Rodigan mit 66 Jahren seine Autobiografie Rodigan. My life in Reggae gemeinsam mit dem Journalisten Ian Burrell verfasst. Darin gibt er auf 308 Seiten tiefe Einblicke in die Höhen und Tiefen seiner musikalischen Karriere. Highlights sind seine persönlichen Anekdoten über Bob Marley, Peter Tosh, Bunny Wailer, King Tubby und Lee Perry – letzteren nennt er „Salvador Dalí des Reggae“.

Jedes Kapitel beinhaltet sowohl ein Stück jamaikanische Musikgeschichte als auch eine Etappe aus der Biografie des 1951 auf einer britischen Militärbasis in Hannover geborenen Selectas.

Leser, die Nachholbedarf in der Geschichte der jamaikanischen Populärmusik haben, erhalten Grundlagenwissen zu Ska, Rocksteady, Reggae, Lovers Rock, Dub und Dancehall, aber auch zu Weiterentwicklungen wie Jungle und Dubstep, denen sich Rodigan nie verschloss.

Dank der vielen Tunes, die Ram Jam als Belege für den herrschenden musikalischen Zeitgeist anführt, lässt sich das Buch wunderbar mit den jeweiligen Platten oder YouTube-Videos musikalisch untermalen. Pflicht ist Jackie Mittoos Ram Jam, der Song, dem Rodigan seinen Spitznamen verdankt.

Rodigans Faszination für jamaikanische Musik begann schon in jungen Jahren. Auslöser war Millie Smalls Ska-Cover-Hit My Boy Lollipop, der 1964 auf Platz zwei der britischen Charts kletterte. Auch in Zeiten, in denen jamaikanische Musik in Großbritannien out war und nur von Skinheads gehört wurde, hielt Ram Jam seiner musikalischen Liebe die Treue und sammelte Platten.

Rodigan, der Schauspieler

Ab 1976 finanzierte er sein Hobby durch einen mobilen Plattenladen Ram Jam‘s Record Shack.
Ursprünglich hatte Rodigan keineswegs vor im Musikbusiness Fuß zu fassen. Stattdessen wollte er Schauspieler werden und studierte erfolgreich am Rose Bruford College of Speech and Drama. Anschließend wirkte er in Theaterstücken und Filmen mit. Unter anderem spielte er den Bösewicht „Broken Tooth“ in der erfolgreichen Science-Fiction-Serie Doctor Who.

Die Radiozeit

Sein geschultes Sprechvermögen half ihn auch bei seiner Kariere als Radio-DJ. Im Gegensatz zu vielen anderen nichtjamaikanischen Akteuren verzichtet er dabei auf die Imitation von Patwah.
Rodigans Laufbahn als Radio DJ begann 1978 bei BBC Radio London. Später sendete er auf Capital Radio, dem British Forces Broadcasting Service (BFBS) und Kiss FM.

Seit 2013 ist er bei BBC 1 Xtra. Kiss FM begleitete Rodigan seit seiner Gründung als Piratensender. Umso enttäuschter verließ er ihn 2013, nachdem seine Reggae-Sendung auf eine publikumsfeindliche Uhrzeit in der Nacht verlegt wurde, um kommerziellen Formaten mehr Raum zu geben. Den Schritt, den Rodigan auf dem Höhepunkt seiner Karriere wagte, betrachtet er als konsequente Antwort auf die zunehmende Geringschätzung von jamaikanischer Musik.

Wegen seiner Sendung im britischen Militärkanal BFBS, der dort, wo britische Soldaten stationiert sind, zu empfangen ist, trug Rodigan maßgeblich zur Genese der deutschen Dancehall-Szene bei. Seine Sendung Rodigan’s Rockers , von 1984 bis 2009 auf BFBS, inspirierte deutsche Jugendliche zur Imitation und Adaption von Dancehall-Styles und Soundsystemgründungen. Beim Blick auf die heutige Soundszene in Deutschland stellt Rodigan fest, dass seinen früheren Hörer „ihre Hausaufgaben gemacht“ haben.

Rodigan, der freundliche Soundkiller

Rodigans Autobiografie widmet sich ausführlich seinem Engagement im männerdominierten Metier der Soundclash-DJs und Dubplate-Sammler. Die ersten musikalischen Rivalitäten focht Rodigan 1983 on air in freundschaftlicher Atmosphäre mit dem jamaikanischen Radiomoderator Barry G auf JBC aus. Das Hörformat kam auf Jamaika so gut an, dass bald Clashs auf Bühnen folgten und Ram Jam sich über die Jahre den Ruf eines gefährlichen Soundkillers erkämpft hat. Als Selecta besaß er sogar so viel Badness-Credibility, dass ein jamaikanischer Gunman sich den Namen „Rodigan“ aneignete. Höhepunkt in Rodigans Clash-Karriere war der Triumpf beim World Clash 2012 in New York.

Im häufig rüden Soundclash-Getöse agiert Rodigan gewöhnlich als Gentleman. Homophobe Verunglimpfungen und vulgäre Beleidigungen seiner Kontrahenten, wie sie bei vielen international erfolgreichen Sounds üblich sind, gibt es bei ihm nicht. Dazu passt auch seine konsequente Haltung zur Diskussion um Dancehall und Homophobie, die er kurz im Buch anspricht. Dabei macht er darauf aufmerksam, dass Homophobie keinesfalls nur eine Sache der ehemaligen Kolonie Jamaika sei, sondern schwule Männer auch im Vereinten Königreich lange Zeit geächtet waren.

Die kritische Seite der Rodigan-Biografie

Kritisch fällt in Rodigans Vita auf, dass er die Verschränkungen seines Lebens mit dem britischen Kolonialismus ausklammert. Wenn er über seine Kindheit in Libyen schreibt, wo sein Vater als britischer Soldat stationiert war, geschieht das jenseits des Kontexts der Weltmacht Großbritannien und ihres Kolonialreichs in Afrika.

Im Frühjahr 2012 bekam Rodigan als weißer Radiomoderator den Most Excellent Order of the British Empire (MBE) 2012 von Prince Charles verliehen. Die Zeremonie fand im Buckingham Palast statt, dem Herz des Britischen Empires, das Jahrhunderte lang Schwarze Menschen als Sklaven in die Amerikas verschleppte und Reparationen an deren Nachfahren bis heute ablehnt.

Als Leser drängt sich mir die Frage auf, ob Rodigan sich dem kolonialen Geschmack seines Plausches mit Prinz Charles über Reggae bewusst war? Schließlich hat der britisch-jamaikanische Dub Poet und Rastafari Benjamin Zephaniah genau denselben Orden aufgrund der Gewalttaten des britischen Empires 2003 abgelehnt.

Rodigan entgeht auch, dass er als weißer Gentleman aus der britischen Mittelschicht wohl oder übel exakt den Vorstellungen von (kolonialer) Respektabilität entspricht, anhand der auf Jamaika bis heute Menschen hierarchisiert werden. Ungewollt verkörpert er den weißen Briten in Abgrenzung zum vermeintlich unzivilisierten Jamaikaner aus der Arbeiterklasse, der nur „broken English“ spricht.

Rodigan mag durch seine Begeisterung für den Sound aus der Unterschicht für viele Jamaikaner eine Kuriosität sein. Im Gegensatz zu ihnen, kann er aber jamaikanische Dancehall-Kultur feien und damit sogar Geld verdienen, ohne von den rassistischen Vorurteilen eingeschränkt zu werden. Eine Tatsache, die nicht nur auf Rodigans Life in Reggae, sondern auch auf alle weißen Fans des Off-Beats (mich eingeschlossen) zutrifft und nicht unerwähnt blieben sollte. Erst dann sind alle „Hausaufgaben gemacht“.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Schmeißt den Laden hier. Mag Reggae und Rub-a-Dub mit Bass. Und manchmal HipHop. Liebt echte Soundsystems. Schreibt auch für's Riddim Magazin. Musiktipps gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.