Behind Smile Jamaica: Fotograf Andreas Hagen im Interview

Kategorien Interviews
Fotograf Andreas Hagen

Vor einigen Wochen habe ich euch das Fotobuch Smile Jamaica. Out Of Many One People vorgestellt. Ein duftes Charity-Projekt von Fotograf Andreas Hagen.

Unterstützung ist in diesem Fall Pflicht für mich. Deshalb habe ich mir Andreas nochmal für ein Interview geschnappt und zum wahren Jamaika sowie zu seiner Arbeit an Smile Jamaica befragt.

Stell dich bitte kurz vor. Wie alt bist du, was fotografierst du sonst so, welchen Bezug hast du zu Reggae und Jamaika?

Ich bin der Andy und 26 Jahre alt. Für mich ist das Fotografieren meine absolute Leidenschaft. Am liebsten fotografiere ich Personen, egal ob Models oder einfach irgendwelche Menschen auf der Straße. Was mich daran so fasziniert, ist, dass man das Äußere eines Menschen in einem Bild einfangen kann. Jedes Portrait erzählt seine ganz eigene Geschichte ohne die wirkliche Geschichte der Person zu kennen.

Portraits in Jamaika zu fotografieren war für mich allerdings das Aufregendste. Seit mehr als 15 Jahren bin ich ein kleiner Reggae- und Jamaika-Fanatiker. Umso schöner war es dort meine zwei großen Leidenschaften zu vereinen.

Wie lange warst du auf Jamaika unterwegs?

Insgesamt war ich drei Wochen auf der grünen Insel. Allerdings habe ich dort so viel erlebt, wie ich hier in Deutschland in einem Jahr erleben würde. Ursprünglich hatte ich vor länger zu bleiben, aber leider war das durch den Job und anderen Verpflichtungen nicht möglich. Nächstes mal werde ich deutlich mehr Zeit einplanen.

Welche Gegenden und Städte hast du bereist?

Die erste Woche wollte ich alle Teile Jamaikas kennenlernen und bin einmal rund um die gesamte Insel gefahren. Von Montego Bay über Ochio Rios und Port Antonio, über Kingston, Savanna la Mar nach Negril. Ich wollte mich ein wenig einleben, bevor es in die Hauptstadt ging.

In der zweiten Woche stand dann Kingston an, bevor es die letzte Woche über die Blue Mountains wieder quer durchs Land nach Negril ging. Dort wollte ich dann noch die „typische“ Seite Jamaikas kennenlernen.

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Müllverbrennung in den Blue Mountains (c) Andreas Hagen
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Blue Mountains (c) Andreas Hagen

Im Nachhinein hätte ich lieber zwei Wochen in Kingston verbringen sollen. Meiner Meinung nach ist Negril nicht das authentische Jamaika. Aber gesehen muss man es mal haben. Es ist ja auch wirklich sehr schön dort. Man kennt ja die Bilder von den Traumstränden. Jeder Reiseführer zeigt sie.

Du hast schon erwähnt, dass es deine erste Jamaika-Reise war. Hast du dich gut vorbereitet?

Ich muss zugeben, dass ich vor meiner Reise etwas nervös war, weil ich nicht wusste, ob alles so klappt wie ich mir das vorgestellt habe, obwohl eigentlich alles durchgeplant war. Allerdings habe ich in Jamaika dann sehr schnell gemerkt, dass das Planen nichts bringt.

Man muss sehr oft spontan sein und einfach mit dem Treiben mitschwimmen. Man vergisst sehr schnell seine Pläne und macht einfach das, worauf man Lust hat. Die Sachen, die auf meiner To-Do List standen, habe ich aber alle durchgezogen. Insgesamt hat die Reise meine Erwartungen weit übertroffen.

In deinem Fotobuch zeigst du das authentische Jamaika. Wie ist das
authentische Jamaika?

Viele, die sich nicht gerade mit Reggae und Rastafari auseinandersetzen, haben sehr oft bestimmte Klischees im Kopf, wenn sie von Jamaika hören. Es ist letztendlich immer der kiffende, ausgeflippte Rastaman, der an den Traumstränden bei Sunshine Reggae seine Kokosnüsse verkauft. Klar gibt es diese Typen auch, allerdings hat Jamaika so viel mehr zu bieten als Reggae, Rum und Palmen.

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Händler am Strand von Negril, Jamaika (c) Andreas Hagen

Gerade in Kingston findet man so viele verschiedene Persönlichkeiten. Zwielichte Gunmen, kleine Kids in Schuluniform, Reggae Artists, Soldaten, Ladenverkäufer, junge Rastapriester. Selbst Prostituierte gehören dort dazu. In den anderen ländlicheren Gegenden findet man wieder andere, beeindruckende Menschen.

So unterschiedlich die Landschaft der kleinen Insel ist, so unterschiedlich ist die Bevölkerung. Deswegen auch der Untertitel „Out of many one people“. Mir war es wichtig genau dieses Jamaika mit all seinen verschiedenen Facetten mit meiner Kamera festzuhalten. Ich habe versucht die Seiten Jamaikas zu zeigen, die man in keinem Reiseführer finden würde. Das authentische Jamaika ist weitaus vielfältiger und in gewisser Weise ehrlicher.

Und wann kam die Idee mit dem Charity Fotobuch?

Die Idee zu diesem Projekt ist mir bei meinem Aufenthalt in Negril gekommen. Dort konnte ich ein wenig herunterkommen und mir Gedanken machen, was ich mit den einmaligen Fotos machen möchte. Sie waren zu schade und zu beeindruckend, um sie nur auf den Rechner zu schieben und sie dort ruhen zu lassen.

Außerdem war Negril der Ort, an dem ich viel über das nachgedacht habe, was ich in Kingston erleben durfte. Gerade die Armut und die dort herrschende Gewalt ging mir nicht aus dem Kopf. „When mi older, mi want to be da next don!“ Vor allem dieser Satz eines kleinen Jungen ging mir tagelang nicht aus dem Kopf. Ich habe begriffen, dass den Jugendlichen eine Perspektive fehlt. Oder warum will ein kleiner Junger der nächste Drogenboss werden?

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Die Kinder Kingstons (c) Andreas Hagen

Schnell war mir klar, dass ich durch den Verkauf eines Bildbandes und den Erlös dessen ein kleines Stück dazu beitragen könnte, ein paar Kindern eine Perspektive zu geben. Ich habe auf meiner Reise so viele Kinder kennengelernt und vielen ist eines gemeinsam: ihnen fehlt ausreichende Bildung. Ohne Bildung keine Perspektive. Deswegen geht der Erlös vom Verkauf der Bücher an Help! Jamaica e.V. Sie holen die Kinder von den Straßen und lehren sie grundlegende Dinge und zeigen ihnen andere Perspektiven.

Warum der Titel „Smile Jamaica“?

„Smile Jamaica“ trifft in vielerlei Hinsicht die Intention des Buches. Zum Einen leben dort so viele warmherzige und tolle Menschen, mit denen man einfach lachen kann. Der Titel ist zum anderen auch als eine Art Aufforderung zu verstehen. Sich nicht von der eigenen Armut und Perspektivlosigkeit runterbringen zu lassen, sondern immer daran zu arbeiten eines Tages aus dem Elend ausbrechen zu können, um ein sorgenfreies Leben führen zu können.

Haben sich die Leute freiwillig fotografieren lassen oder musstest du viel Überzeugungsarbeit leisten bzw. auch dafür bezahlen?

Überraschenderweise war es sehr einfach die Leute zu fotografieren. Wichtig war immer nur, höflich nach Erlaubnis zu fragen. Mit vielen von ihnen konnte ich sogar sehr tiefgründige Gespräche führen. Klar gab es auch welche, die dafür ein paar Dollar wollten. Bei wirklich charakteristischen Personen war es mir das auch wert, vor allem weil ich wusste, dass sie darauf angewiesen waren. Manchen gab ich ein Bier aus oder hab mit ihnen etwas gegessen. Nur wenige wollten keine Fotos von sich machen lassen. Gerade die jüngeren Frauen waren oft zu schüchtern.

Du warst auch in den Slum unterwegs. Hattest du dabei Angst und dich oder
deine Ausrüstung?

Bevor ich in Kingston angekommen bin, habe ich mir schon das ein oder andere Mal Gedanken gemacht, was passieren könnte. Zu oft hört man von brutalen Morden in aller Öffentlichkeit. Als ich nachts in Kingston angekommen war, war das Unbehagen plötzlich gänzlich verschwunden. Es war mehr die Sorge um meine Ausrüstung als um mich. Die war, bis auf eine kleine Ausnahme, nie in Gefahr.

Warst du allein unterwegs oder mit örtlicher Begleitung?

Die Woche in Kingston hatte mich der ehemalige Percussionist von Gentleman, Matthias Reulnecke, herumgeführt. Das passte wie die Faust aufs Auge, da ich ebenfalls Drummer einer Reggae Band bin und wir uns somit sofort sehr gut verstanden haben. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich viele meiner musikalischen Idole kennenlernen durfte. Ijahman Levy, Big Youth, Micah Shemiah, Earl „Chinna“ Smith und viele mehr. Er war es auch, dem ich viele Bilder, die in den Ghettos von Kingston entstanden sind, zu verdanken habe.

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Orange Street in Kingston Downtown (c) Andreas Hagen
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Want Peace? Then Work For Justice / Graffiti in Kingston Downtown (c) Andreas Hagen

Er kennt so viele Menschen in der Hauptstadt und führt jemanden an Orte, die man als einfacher Tourist niemals so leicht sehen könnte. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank Matthias, dass du dir für mich so viel Zeit genommen hast!

Mit welcher Ausrüstung hast du die Fotos aufgenommen?

Vor der Reise habe ich überlegt meine Spiegelreflexkamera mitzunehmen, habe mir dann aber extra eine kleinere, leichtere und unauffälligere Kamera gekauft, eine Sony RX 100 IV. Mit ihr war ich flexibler. Außerdem hatte ich eine GoPro dabei, deren Bilder aber nicht im Bildband zu sehen sind.

Mehr über das Fotobuch Smile Jamaica. Out Of Many One People lest ihr hier.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Reggae Vinyl Liebhaber, Sound System Enthusiast, digital interessiert, freier Autor beim Riddim Magazin. Musiktipps immer gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

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