Mein Reggae Jam Festival 2016 (Review)

Kategorien Veranstaltungen
Reggae Jam Festival 2016 in Bersenbrück

Neun Jahre Reggae-Blog und ich war noch nie auf einem deutschen Reggae-Festival. Diesen Sommer habe ich das geändert und das Reggae Jam Festival 2016 in Bersenbrück besucht.

Meine schönsten Erlebnisse und Beobachtungen fass ich für euch in einer Top 9 zusammen. Grobes Fazit vorab: duftes Gelände, dufte Leute, dufte Stimmung, dufte Musik.

9. Reggae Jam Gelände

Bersenbrück ist eine kleine Stadt in Niedersachsen, in der es eher beschaulich zugeht. Ich habe vor allem Mehrfamilienhäuser mit gepflegten Gärten und geleckte Bürgersteige gesehen. Die CDU regiert hier. Auf den ersten Blick ein ziemlich konservativer Ort, um ein Festival wie das Reggae Jam zu veranstalten. Klappt trotzdem, seit 1994.

Beeindruckend fand ich, wie gut das gesamte Festivalgelände in die Stadt integriert ist. Beides geht direkt ineinander über. Die zwei großen Bühnen stehen mitten im Klosterpark, wo sonst vermutlich der Rasen mit der Nagelschere gestutzt wird.

Volles Haus im Klosterpark Bersenbrück
Volles Haus im Klosterpark Bersenbrück

Direkt dahinter schlängelt sich ein Fluss lang. Auf der anderen Seite sind die Campingplätze (Stoppelfeld oder direkt am Fluss), Ess- und Verkaufsbuden, Badstellen, Dancehall-Zelte, etc. Überall gibt es leckeres Essen. Als Selbstversorger kommt ihr aber auch schnell in die Stadt zum Supermarkt.

riverside disco, reggae jam 2016
Riverside Disco mit I-Revelation Sound aus Berlin @ Reggae Jam 2016

Trotz über 12.000 Besuchern war genug Platz für alle. Schlangestehen habe ich kaum erlebt und gesehen nur bei den Damentoiletten, wie üblich. Am liebsten bin ich den Weg zum Roots Plague Dubcamp gelaufen. Immer am Fluss entlang, nachts schimmerten überall Kerzen und Lichter vor den Zelten, hinten bummste schon der Bass. Dazu später mehr.

8. Johnny Clark schwingt die Dreads auf dem Reggae Jam

Johnny Clark. Junge, was für ein Typ. Bestimmt 20 Kilogramm Dreadlocks auf dem Kopf und grob geschätzt 100 Kilo auf den Rippen. Ein gewaltiger Kerl und eine Freude, ihn singen zu hören.

johnny clark, reggae jam
Johnny Clark @ Reggae Jam 2016

Ich bin weder textsicher noch sonderlich Diskografie kundigt, aber er hat sicher seine Hits gespielt. Ich fand ihn einfach nur beeindruckend und eine Macht auf der Bühne.

7. Sebastian Sturm und der verrückte Keyboarder

Nach zwei Tagen Festival ist Sonntag um 14 Uhr vielleicht nicht die beste Auftrittszeit. Trotzdem war es voll vor der Bühne, als Sebastian Sturm & Exil Airline spielten. Ein sehr sympathischer Künstler mit toller Verbindung zum Publikum und einem vollkommen irrem Keyboarder.

Das sind ja sonst eher die ruhigen Typen am Rand. Der Joonas Lorenz hatte richtig Bock und sprang vor seinem Instrument herum, als hätte der Boden 100 Grad Hitze. Würde mich nicht wundern, wenn er in nächster Zeit ein Fitness-Programm „Fit am Keyboard in 20 Tagen“ auf DVD oder YouTube raushaut.

Leider war ich zu faul zum Fotografieren beziehungsweise zu sehr damit beschäftigt, mir das anzuschauen.

6. Abriss mit iLLBiLLY HiTEC

Zwischen all dem Roots Reggae stachen iLLBiLLY HiTEC mit ihrem Elektro-Dancehall-Inna-HipHop-Reggae-Bass-Style erfrischend heraus. Bumms von der ersten Minute an. Ich habe sie schon in einem kleinen Club in Berlin erlebt. Das war dufte, aber auf der großen Bühne mit fettem Sound ist eine ganz andere Nummer. Dieser Kinetical ist ein Maschinengewehr am Mikrofon und kombiniert saugut mit Longfingahs Raggamuffin Stil.

Beeindruckend war auch der Musiker, der Gitarre, Saxophon und MPC gespielt hat. Nicht immer gleichzeitig, aber fast. Leider habe ich seinen Namen vergessen.

iLLBiLLY HiTEC @ Reggae Jam 2016
iLLBiLLY HiTEC @ Reggae Jam 2016

Spezielle Anfrage an Benny aka Dirty Ragga Squad am DJ Pult. Ich hab mich sehr gefreut, dass wir uns kennengelernt haben. Und ihr solltet die frische iLLBiLLY EP No Borders prüfen. Kostenloser Download.

5. Big Youth

Ein Deejay der alten Schule hört das vielleicht nicht so gern, aber dieser Big Youth ist ein richtig lieber Typ. Der kleine schmale Mann im Glitzerdress hatte einen Spaß auf der Reggae Jam Bühne – unfassbar. Zwischenzeitlich klang es wie eine Revue in New York und nicht nach dem derbsten Deejay im ganzen Geschäft. Schön auch immer, wenn die alten Herren zeigen, wie gelenkig sie noch sind, vor allem in der Hüfte.

Big Youth @ Reggae Jam 2016
Big Youth @ Reggae Jam 2016

Ein weiterer schöner Moment: Die Band spielte den nächsten Riddim an. Big Youth drehte sich um und sagte: „Stop it! Let me talk to the people dem“ und kam mit einer Friedensreade.

Wenn ich im (aktuellen) Rentenalter von 67 noch so drauf bin, wär das großartig. Nach dem Konzert habe ich Big Youth am Stand des Riddim Magazins getroffen. Toll, wenn man den Künstler sagen kann, wie sehr man sie schätzt. Dieses Glänzen in den fröhlichen Augen, herrlich.

Später war Big Youth wohl noch im Dancehall-Zelt und hat zu Alkaline getanzt.

4. Roots Plague Dubcamp

Liebe. Einfach nur Liebe. Die Jungs und Mädchen von Roots Plague (nebst Helfern) aus Münster sind schon eine Woche vor Festivalbeginn nach Bersenbrück gefahren und haben dort selbstfinanziert ihr eigenes Geländer gezimmert, das Roots Plague Dubcamp. Kinderecke, Soundsystem Zelt, Bar, Futterstand, gemütliche Unterschlüpfe, Bühne für Jam Sessions … alles gezimmert. Ich geh davon aus, dass die Vorbereitung schon mindestens ein halbes Jahr liefen.

Ordentlich gezimmert haben auch die Soundsystems. Tagsüber lief das etwas kleinere Sublime Soundsystem und nachts die rote Wand von Roots Plague. Heidewitzka, was für eine Energie! Definitiv nichts für euch, wenn ihr auf zarte Melodien und Dancehall-Gefizzle steht. Das war einfach nur Walze. Roots und Steppers, Musik für den Körper. Jetzt werde ich tagelang wieder keine Musik auf dem Heimstereo hören können, weil es einfach zu schwachbrüstig ist.

Roots Plague Soundsystem @ Dubcamp Reggae Jam 2016
Roots Plague Soundsystem @ Dubcamp Reggae Jam 2016
Roots Plague Dubcamp in Session @ Reggae Jam 2016
Roots Plague Dubcamp in Session @ Reggae Jam 2016

Die Soundcrews wechselten sich ab, immer wieder schnappten sich Sängerinnen, Sänger und Deejays das Mikrofon. Melodica wurde auch gespielt. Wundervolle Stimmung, trotz der brachialen Töne aus den Boxen. Rohe Energie.

I Quality Sound Rockers mit I-Lioness am Mikrofon @ Reggae Jam 2016
I Quality Sound Rockers mit I-Lioness am Mikrofon @ Reggae Jam 2016
Mad Marek @ Roots Plague Dubcamp
Rampensau: Mad Marek @ Roots Plague Dubcamp
Ras Seven @ Roots Plague Dubcamp
Ras Seven @ Roots Plague Dubcamp
Dubiterian @ Roots Plague Dubcamp
Roots Plague Crew & Dubiterian @ Roots Plague Dubcamp
Irie Worryah @ Roots Plague Dubcamp
Irie Worryah @ Roots Plague Dubcamp

Meine Jungs vom Irie Ites Soundsystem aus Kassel hatten ebenfalls eine dufte Session auf dem Roots Plague Soundsystem, mit Melodica und Deejays und drum und dran. Vielen Dank, dass ich mir auch mal das Mikrofon schnappen durfte.

Mein Lied des Abends war Lacksley Castells Jah Is Watching You. Roots. Roots. Roots.

Sensi-I am Kontroll-Turm @ Roots Plague Dubcamp
Sensi-I am Kontroll-Turm @ Roots Plague Dubcamp
Irie Ites in Session @ Roots Plague Dubcamp
Irie Ites in Session @ Roots Plague Dubcamp
Irie Ites Sound Crew @ Roots Plague Dubcamp
Irie Ites Sound Crew @ Roots Plague Dubcamp

Ihr seht schon, beim Roots Plague Dubcamp habe ich die meisten Fotos gemacht. Einfach nur dufte, wie Musik die Menschen zusammenbringt und mit wie viel Kraft und Liebe alle dabei sind.

3. Jam Session beim Roots Plague Dubcamp

Und mit Liebe geht es weiter. Während auf der großen Bühne die professionellen Konzerte gespielt wurden, liefen im Roots Plague Dubcamp nachmittags Jam Sessions. Jeder, der Bock hatte, konnte sich ein Instrument oder ein Mikrofon schnappen und mitmachen. Wundervoll, wie gut das geklappt hat. Nur das Keyboard wollte immer niemand bedienen.

Jam Session @ Roots Plague Dubcamp
Jam Session @ Roots Plague Dubcamp
Jam Session mit Irie Worryah & Luke Nuk'em @ Roots Plague Dubcamp
Jam Session mit Irie Worryah & Luke Nuk’em @ Roots Plague Dubcamp

Ich habe keine Ahnung, ob einige der Teilnehmer vielleicht zusammen in eigenen Bands spielen. Für mich klang es so, egal wer da gerade welches Instrument bediente. Kurz Abstimmung und los. Vielleicht passiert das einfach, wenn der Vibe so großartig ist. Selbst ein paar schüchterne Mädchen haben sich ans Mikrofon gestellt und gesungen.

Das war echt so schön. Für solche Jam Session muss es mehr Raum geben. Damit meine ich nicht die große Bühne, sondern einfach nur Platz und Regelmäßigkeit.

Riesengroßen R-E-S-P-E-K-T an alle, die das Dubcamp organisiert, aufgebaut und betreut haben.

2. The Congos

Mein musikalischer Höhepunkt beim Reggae Jam Festival 2016: The Congos. Ich hatte Tränen in den Augen und frage mich, warum die Kunst der männlichen Gesangstrios ausgestorben ist. Wirklich, es gibt fast nichts Besseres für Roots Reggae als drei Männer, die miteinander singen. Das ist pure Magie.

Die Jungs wirkten auf mich wie drei aus dem Altersheim, die nochmal richtig Spaß haben wollten. Ein bisschen tatterig und zumindest Barriton Watty Burnett schien manchmal nicht zu wissen, wo er gerade war. Das ist nicht böse gemeint, sondern liebevoll. So wie man seinen vielleicht schon etwas wirren Großvater liebt.

The Congos @ Reggae Jam 2016
The Congos @ Reggae Jam 2016

Ich hätte die Congos gern als Opa … obwohl sie noch gar nicht so alt sind wie sie aussehen. Was The Congos in den hohen 60er Jahren und nach über 40 Jahren Musikgeschäft aus ihren Stimmen herausholen, ist gewaltig. Jeder Ton ging direkt ins Herz. Und natürlich machten auch sie ihre Fitnessübungen.

Wenn ihr The Congos noch live erleben könnt, macht das unbedingt.

1. Die Leute

Bei der Bürgerabstimmung zum Reggae Jam Festival sollen nur zwei Bürger dagegen gestimmt haben. Zwei Bereitschaftspolizisten, denen der Chef persönlich für die Festivaltage Urlaub verordnete.

So geht eine Legend, die mir Torsten von Jah Army erzählt hat. Kann stimmen, denn ich habe nur wohlwollende Anwohner getroffen. Grauhaarige Herren, die am Bierstand gemütlich Getränke ausschenkten. Ältere Damen, die morgens Frühstücksbrötchen für die Festivalbesucher schmierten und verkauften. Anwohner, die ihren Tisch an den Zaun stellten und mit dem Reggaevolk plauderten. Offenbar ist das Reggae Jam das Wacken für Offbeat.

Auf dem Festivalgelände habe ich nicht eine schwierige Situation erlebt, keinen Stress, keine Schlägereien. Alle miteinander, keiner außen vor. Selbst als die jugendlichen Camper morgens um 8:30 laut Karate Andi hörten, wurde das schnell und freundlich geklärt. Wenn das so im Großen laufen könnte, hätten wir Weltfrieden und mehr Kraft für dufte Sachen … zum Beispiel für mehr Jam Sessions.

Wenn ihr mehr über das Reggae Jam Festival erfahren möchtet, lest gern Gardys Bericht. Hier seht ihr weitere Fotos von Ralf und seinen Bericht vom Stoppelfeld. Und natürlich nicht zu vergessen, Augenzeuge Sensi-I im Dubcamp.

#EeneLiebe & Spezielle Anfragen

Zuerst und vor allem geht #EeneLiebe raus an meine Irie Ites Familie: Sensi, Micha, Katja, Mario, Dubios, Ralf, Sebastian und alle anderen. Ich freue mich jedes Mal riesig, euch zu treffen und eine dufte Zeit mit euch zu haben. Wunderschön, wie begeistert ihr euren Sound betreibt. Danke, dass ich mein Zelt in eurem Camp aufschlagen konnte und auch für alles andere.

Spezielle Anfrage an Team Jah Army: Torsten, Wolfgang, Max, … es war (wieder) schön mit euch. Für die People dem.

Ralf und Andrea: Danke für die lustige Unterhaltung am Festivalrand.

Pete und Ellen vom Riddim Magazin: Saustark, was ihr da auf die Beine gestellt habt. Bleibt dran (vielleicht mal ein bisschen mehr europäische Szene).

Flo: Wir haben uns leider nur am ersten Abend gesehen. Ich hoffe, du hattest auch ein duftes Reggae Jam.

Randnotiz für die Polizei: Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn die örtliche Polizei Drogenkontrollen durchführt. Insgesamt ist das Konzept gut aufgegangen. Ich finde es aber nicht in Ordnung, wenn der (vermutlich) Zivilpolizist „unbeteiligt“ mit seinem Schäferhund ohne Maulkorb am Gehweg steht und das Tier dann mal kurz von der Leine lässt, wenn ich vorbeikomme. Das ist Scheiße. Dann lieber Zufallskontrollen mit klarer Ansage. Danke.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Reggae Vinyl Liebhaber, Sound System Enthusiast, digital interessiert, freier Autor beim Riddim Magazin. Musiktipps immer gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

6 Gedanken zu „Mein Reggae Jam Festival 2016 (Review)

  1. Konnte dieses Mal ja nicht da sein, weil ich woanders gerade unterwegs bin. Habe aber aus der Ferne gelegentlich in den Livestream reingeschaut und die Konzerte von den Congos und Big Youth gesehen. Kann gut verstehen, dass du da begeistert warst. See you next time around! Greets aus Toronto.

    1. Salut Karsten, ich habe heute mal bei den Reggaeville-Konzertvideos reingeschaut. Leider kommt da nicht viel rüber und klingt auch komisch. Die beiden Acts sind definitiv jede Reise wert. See you soon, Junge.

  2. Du sprichst mir mit deinem Artikel voll und ganz aus dem Herzen ich kann das nur unterschreiben und Möchte mich hiermit bei dem gesamten Reggae Jam Team den Leuten bei Roots Plaque und den Anwohnern bedanken! Respect!!!

  3. Hey SocialDread, schöner Artikel! Sehr Interessant ein paar ganz andere Eindrücke geschildert zu bekommen. Vorallem finde ich die Eindrücke abseits der zwei Hauptbühnen interessant. Ich habe auch einen Festivalbericht geschrieben, indem ich dich verlinkt habe..

    1. Salut Stefano, vielen Dank für den Link. Ich hab schon mal deine großartigen Fotos überflogen und lese später die Texte ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.