The next Gentleman – Richie Campbell auf Tour in Berlin

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Für Richie Campbell war es eine Rückkehr an einen Ort, dem er viel zu verdanken hat. Nicht Lissabon, nicht Kingston – sondern Berlin. Mit seiner 911-Band war er letzte Woche zu Gast im YAAM.

Ich war für euch dabei, hab ihn vor dem Konzert getroffen und verrat euch nicht nur, welche spezielle Beziehung Richie zur deutschen Hauptstadt hat.

Berlin, 18:43 Uhr, Soundcheck: Richie Campbell kommt auf die Bühne und singt seinen ersten Ton. Ich kann förmlich spüren, wie die Herzen der bereits anwesenden Damen des Club-Personals schmelzen. Kein Wunder, es werden nicht die ersten Herzen gewesen sein, die der gefühlvollen Stimme des Portugiesen erliegen.

Doch Richie Campbell kann mehr als nur Schmacht-Songs, in seiner Liveshow spielt Energie eine wichtige Rolle. Und das hat er sich als Supportact von keinem geringeren als Anthony B abgeschaut, dem Meister der energiegeladenen Liveshow.

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Richie Campbell stand bereits einmal auf der Bühne vom YAAM. Damals noch in der alten Location.

Sechs Jahre ist es nun her, dass Richie Campbell aus Portugal sein Debütalbum My Path veröffentlicht hat. Mein Kollege Nils schrieb damals: „Heintje macht Reggae“ und bezog sich auf sein jungenhaftes Aussehen. Das ist lange her – wenn es damals Heintje war, dann ist es nun wohl Justin Timberlake.

Richie Campbell ist gereift, nicht nur äußerlich – auch musikalisch. Die vielen Reisen ins Mutterland des Reggaes haben ihn geprägt. Ein Aspekt, der sich auf dem, im Mai letzten Jahres veröffentlichten, Album In The 876 widerspiegelt, bei dem er mit dem jamaikanischen Produzenten Nico Browne zusammenarbeitete: „Ich wollte das beste Real Reggae Music-Album machen, zudem ich in der Lage war. Und um das zu erreichen, musste ich mit einem jamaikanischen Produzenten zusammenarbeiten“, sagt Richie. „Ich wollte unbedingt diese Zustimmung eines Jamaikaners, der mir auch sagen kann: ‚Nein, so wird das auf der Insel nicht funktionieren‘. Ich wollte sozusagen ‚Jamaika-zertifiziert‘ sein.“

Und in Nico Browne fand er einen Produzenten, mit dem er nicht nur musikalisch perfekt harmoniert. Entstanden ist ein Album, das mich von der ersten bis zur letzten Sekunde überzeugt. Modern Roots Reggae, so wie er klingen muss. Mein favorite Album in 2015 – tolle Texte, super Vibes und hochkarätige Gäste wie Agent Sasco oder Jesse Royal.

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Insgesamt standen für Richie Campbell & 911 Band sechs Konzerte in Deutschland auf dem Tourplan

Viele werden Campbell schon von diversen Auftritten auf Festivals in ganz Europa kennen, nun folgte die erste Headliner Tour durch Deutschland. Nachdem er in Portugal schon fast ein Superstar ist, muss er sich das Publikum im Rest des Kontinents noch erspielen. Und das geht nicht von heute auf morgen.

So waren auch im Berliner YAAM vergangene Woche noch einige Lücken im Publikum. Sicher auch für die Band eine Umstellung, die sonst vor Tausenden von Menschen spielt. Spaß hatten sie trotzdem, das hat man ihnen angesehen. Und auch das anwesende Publikum feierte die Show.

Die Setlist liest sich dabei für Richie Campbell Fans als eine Aneinanderreihung von Big Tunes. Eine Mischung aus Songs von älteren Alben und natürlich den Songs des aktuellen Albums In The 876.

„It feels like, Reggae Music haffi play all night, mi say DJ nuh kill the vibe, mi and my woman want to rock all night, to the sweet reggae vibe.”

Mit dieser Message startet Campbell sein Konzert. Kann man nur zustimmen. Mit 25 To Life schallt kurz danach mein persönlicher Lieblingssong durch die Lautsprecherboxen, mein Gunfinger streckt sich in die Höhe – big ting mi seh!

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Im Interview verrät mir Richie Campbell, wie er zum Reggae gekommen ist (Quelle: Screenshot Snapchat Richie Campbell)

Richie Campbell kam schon früh mit Reggae in Kontakt: „Meine Mutter stammt aus Großbritannien und hörte schon immer viel Reggae. So wuchs ich mit dieser Musik auf. Und als ich mit Singen begann, war es quasi vorbestimmt, dass ich dieses Genre verfolgen werde“, erklärt mir der 29-jährige.

„It choose mi, mi never choose it“ – besang er schon fast poetisch seine Liebe zum Reggae im Intro zu Inna Jamaica. Und spätestens als Richie Campbell mit diesem Song die Massive auf eine Reise in die Karibik mitnimmt, springt der Funke zum Publikum endgültig über.

Campbells Stimme ist live genauso gut wie auf CD. Was einerseits für die hervorragenden Sangeskünste spricht, sorgt auf der anderen Seite natürlich auch für nicht ganz so viele Überraschungseffekte bei der Liveshow. Die ist toll, keine Frage, pustet einen aber nicht ganz so vom Parkett wie eine Show von beispielsweise Alborosie oder Busy Signal, was zum Teil natürlich auch die Songs von der Machart nicht hergeben.

Nichtsdestotrotz macht die Show ordentlich Spaß und der Sound sowie das Zusammenspiel zwischen Richie und seiner Band sind bemerkenswert: „Diese Leute kennen meine Show und kennen mich – manchmal sogar besser, als ich mich selbst kenne. Ich brauch mir keine Sorgen zu machen, dass die hinter mir ihren Job richtig machen, weil ich weiß, was sie drauf haben“, sagt Richie Campbell. Wechselnde Backing-Bands wären nichts für ihn.

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Immer gemeinsam mit Richie Campbell unterwegs: die 911-Band

Ungefähr in der Mitte des Konzerts kommt es dann zu einer kleinen Cover-Session. Auf ein gefühlvolles Tribute an den King of Reggae mit Turn Your Lights Down Low folgt mit Ain‘t No Sunshine ein Klassiker des Souls und R’n’B. Richie macht am Ende eine Reggae-Version draus und die klingt mindestens genauso gut wie das Original.

Laut Setlist wäre es dann eigentlich mit Blame It On Me vom ersten Album weitergegangen. Doch da das Gitarrenkabel kleine Problemchen bereitete, stimmt Campbell noch spontan Drakes Hotline Bling an. Nach dem ersten Refrain unterbricht Richie und fragt ins Publikum: „Ihr mögt den Song nicht so, hab ich Recht?“ Gespaltene Reaktionen vor der Bühne. Einige stimmen zu, andere kennen den Song nicht einmal. Da haben wohl einige das Musikjahr 2015 verschlafen.

Mega Hits – Confessions com Richie Campbell | Turn The Lights Down Low

Dancehall gabs bei der Show übrigens keinen zu hören, abgesehen von ein paar Mix-Sections. Allgemein sind auf den letzten beiden Alben nur noch Reggae-Songs zu finden. Lässt Richie Campbell also mittlerweile die Finger von Tanzhallen-Songs? „Nein, okay – ich mag die Message von Reggae lieber. Ich denke jeder stimmt mir zu, wenn ich sage, dass die Message von Reggae wichtiger und besser ist, als die von Dancehall. Doch ich mag beides. Ich wollte mich in letzter Zeit nur darauf fokussieren ein Album zu machen. Und ein Album macht man mit einem Konzept. Ich werde aber definitiv auch wieder zu Dancehall-Vibes zurückkehren. Beispielsweise zuletzt mit dem Remix von Rihannas Work. Die Ausgeglichenheit zwischen Reggae und Dancehall – das ist, was ich für 2016 anstrebe. Ich werde auch einige Dinge ausprobieren. Aber kein Gangster-Zeug, ich bleibe bei positiven Messages.“

Ich finde Richie Campbell kann man getrost als den neuen Gentleman bezeichnen. Nach langer Zeit hat ein weißer, europäischer Artist mal wieder das Zeug, sowohl auf Jamaika als auch in Europa beziehungsweise anderswo großen Erfolg zu haben: „Mich ehrt dieser Vergleich. Natürlich möchte man mit dem europäischen Artist verglichen werden, der groß rausgekommen ist. So ist es natürlich auch ein riesen Kompliment zu hören, dass er meine Musik mag.“

Air Play hat er in Portugal bereits, der sogenannte Mainstream ist also schon auf ihn aufmerksam geworden. Gleichzeitig ist Campbell bislang der einzige Nicht-West-Indie, der die beliebte Jussbuss Acoustic Session spielte: „Das ist wirklich eine Ehre für mich. Ich, als Reggae-Fan, verfolge die Jussbuss-Reihe schon seit ihrem Beginn und wollte immer ein Teil davon sein.“

Auf Festivalplakaten in Jamaika hat man seinen Namen allerdings noch nicht allzu oft gelesen. Natürlich sei Jamaika auch ein Markt, der für ihn interessant sei. Allgemein ist jamaikanischer Reggae für Campbell das Nonplusultra: „Für mich ist es natürlich wichtig, dass jeder meine Musik mag. Und als Reggae-Artist, der in jamaikanischem Patois singt, möchte ich natürlich auch, dass diese Menschen meine Musik hören. Wenn nicht, dann ist das für mich auch ok. Aber natürlich werde ich gern von den Leuten respektiert, die die beste Art meiner Musik machen.“

Richie Campbell | Feel Amazing | Jussbuss Acoustic | Season 2 | Episode 9

Nach Get With You, What A Day und der Kritik an Babylon, in Form der Polizei, in 911 verlässt Richie erstmals die Bühne. Die gefühlvolle Ballade Better Than Today ist leider kurzfristig von der Setlist geflogen. So bestand die Zugabe aus den wohl drei größten Hits, die Richie Campbell bislang hatte: Best Friend, I Feel Amazing und That’s How We Roll.

Apropos That’s How We Roll – eine Erklärung bin ich euch bislang ja schuldig geblieben. Den Song, sowie das gesamte zweite Album Focused, hat Richie Campbell in Berlin aufgenommen. Seinen ersten Hit in Portugal und somit seinen Durchbruch, hat er also gewisser Weise einer Berliner Produktion zu verdanken.

Richie war vor der Tour und wird auch nach der Tour wieder fleißig Zeit im Studio verbringen. Ein neues Album gibt es zeitnah allerdings nicht zu verkünden: „Ich fühle mich nicht gerade danach, ein Album aufzunehmen und das Monate danach zu veröffentlichen. Ich denke aber, ich werde neue Songs so bald wie möglich einzeln raushauen. Yeah, da kommt definitiv neue Musik auf euch zu!”

Bleiben wir also gespannt, was vom neuen Gentleman in nächster Zeit so kommt. Toller Abend Richie, big up!

Flo
Musik machen, Musik hören, über Musik schreiben – Musik ist mein Leben. Die Liebe zu Reggae und Dancehall begleitet mich seit einigen Jahren und lässt mich nicht mehr los. Big up!

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