Wir bauen ein Reggae-Soundsystem, Teil 2

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Sankofa Sound System Familie

[Gastbeitrag von Ralf Frochte] Es sind jetzt etwa sieben Monate seit dem ersten Artikel vergangen. Und ich war so gut wie jedes Wochenende beschäftigt mit dem Bau der nächsten Lautsprecher.

Um die neuen Leser unter euch kurz abzuholen: Wir bauen ein Reggae Soundsystem (Teil 1), weil es davon einfach nicht genug geben kann.

Der Beitrag ist ein bisschen länger geworden, deshalb habe ich ihn für euch gegliedert:

  1. Holzarbeit mit der Oberfräse
  2. Soundsystem-Check, eins, zwei
  3. Die erste Soundsystem-Session
  4. Wie es mit dem Soundsystem weitergeht
  5. Wofür das Sankofa Sound System steht

Holzarbeit mit der Oberfräse

Die Planungsphase ist abgeschlossen und die ersten Bässe waren im Februar fertig. Ich war guter Dinge, bis Ostern auch die Mid-Tops fertig zu bekommen. Das hat nicht ganz geklappt. Es gab zwar ein nettes Feuer wie geplant und auch Reggae, aber noch nicht aus dem Soundsystem.

Ich hatte mich nämlich dazu entschlossen, die Teile diesmal komplett selber zu fertigen. Also nichts vom Schreiner oder aus der CNC-Fräse zu besorgen, sondern die Säge und Oberfräse selber in die Hand zu nehmen. Das hat etwas gedauert.

Als erstes hat mir ein sehr netter Arbeitskollege die Grobskizze der MT-121 in eine echte CAD-Zeichnung überführt und alle Zuschnitte einzeln mit Bemaßung ausgegeben. Hier exemplarisch die Explosionszeichnung.

mt 121
MT-121 Lautsprecher (Planung)

Dann wurde mit Tools aus dem Holzzuschnitt einen Schnittplan erstellt, 15 Millimeter starke Birke-Multiplex-Platten gekauft und der Grobzuschnitt mit der Tauchkreissäge und der Führungsschiene vorgenommen.

Die Genauigkeit lässt anfangs noch etwas zu wünschen übrig. Mit der Zeit kommt Übung und dank einiger wertvoller Tipps für exaktes Arbeiten schaffe ich auch Zuschnitte mit Abweichungen deutlich unter einem Millimeter.

Anreißen mit dem Skalpell, Kenntnis über das eigene Werkzeug und vernünftige Arbeitsbedingungen sind wohl die erwähnenswertesten Punkte.

skalpell zuschnitt
Pro-Tipp: für den genauen Zuschnitt zunächst mit dem Skalpell anreißen.

Allein der Grobzuschnitt dauerte sechs Tage. Dann kamen alle Schrägen und Gehrungen. An dieser Kiste gibt es von den etwas über 20 Zuschnitten genau ein Brett, das nur rechte Winkel hat. Alle anderen Bretter möchten eine Sonderbehandlung.

Ich glaube, hier habe ich schon aufgehört, die Tage zu zählen. Es folgen die Ausschnitte für den Treiber, den Hornhals, das HF-Horn, die Ports, den Zugang zur Rückkammer, um den Treiber einbauen zu können, und die Griffe.

Die Oberfräse wird ein guter Freund von mir, aber ich habe großen Respekt vor dem Teil. Manchmal bekommt die Angelegenheit eine gewisse Eigendynamik. Werkstücke immer gut fixieren, immer beide Hände zum Führen verwenden, immer schön konzentrieren. Ohne Finger ist auch doof.

lautspreche ausgefräst
Pro-Tipp: Beim Zuschnitt mit der Oberfräse Werkstücke gut fixieren und mit beiden Händen führen
Die berüchtigte Oberfräse
Die berüchtigte Oberfräse

Irgendwann ist alles vorbereitet und es geht an den Zusammenbau. Das Horn für die Mitten ist etwas knifflig. Ich habe mich entschieden, die Seitenwände in einer Nut zu führen. Dann ist auf jeden Fall der Winkel richtig. Das macht aber den Zusammenbau auch nicht einfacher.

nut
Die Nut.
Sitzt, wackelt nicht, hat keine Luft.
Sitzt, wackelt nicht, hat keine Luft.

Man muss schon gut frickeln, bis alle Bretter da sind, wo sie hin gehören. Auch der Zusammenbau ist irgendwann fertig. Ein Traum. Zumindest optisch.

MT-121 Rohbau
MT-121 Rohbau
Papa hilft beim Boxenbau
Papa hilft beim Boxenbau

Auf dem letzten Bild ist mein Papa zu sehen. Meine Eltern sind meine treuesten und besten Helfer. Sie tun sich mit der Frage nach dem „Warum“ etwas schwer, aber sie sind trotzdem immer für mich da.

Mama bringt zusätzlich zu all den wirklich sehr nützlichen Tipps aus umfangreichen und vielfältigen Handarbeitsprojekten auch noch regelmäßig Plätzchen- und Kaffeelieferungen in den Garten. Eltern sind doch mit das Wertvollste, was man hat. Vielen Dank.

Soundsystem-Check, eins, zwei

Ingo von SuperSize ruft an. Wie weit ich denn so bin und ob für den 29. August für eine Veranstaltung mit den Suns of Dub die Anlage fertig sein könnte. Oha! Jetzt kommt Druck in die sonst so entspannte Angelegenheit. Kurze Rückwärtsplanung, heimische Legitimation einholen für die notwendige Arbeitsverdopplung und los geht es. Die erste Kiste noch spachteln und schleifen, die zweite noch komplett zusammenbauen.

MT-121 Lautsprecher einsatzbereit
MT-121 Lautsprecher

Ab hier stellen sich natürlich durch den selbstauferlegten Zeitdruck einige Fehler ein. Zum Glück alles nur Schönheitsfehler, die vermutlich nur ich sehe. Schlimm genug. Auf jeden Fall werden im strömenden Regen dank eines rettenden Wochenend-Einsatzes der Jungs vom Niederrhein (Danke SuperSize!) die ersten zwei MT auf den Punkt zwei Tage vor dem Termin fertig.

Lautsprecherbau im Regen
Lautsprecherbau im Regen
Die kleinen Schwarzen: MT-121
Die kleinen Schwarzen: MT-121

(Und bevor ich es in den Kommentaren erläutern muss: JA! Es fehlen zwei Schrauben. Sieht Scheiße aus, macht aber nichts. Die Einschlagmuttern waren keine gute Qualität. Tausche ich noch aus.)

Bei einem sehr netten Arbeitskollegen werden die letzten, noch schnell mit Unterstützung von SuperSize gekauften Treiber eingesetzt und festgeschraubt. Demnächst gebe ich wirklich mehr Geld für Einschlagmuttern aus. Die Dinger, die ich hatte, taugen einfach nichts.

Dann noch kurz auf die letzte Sekunde anschließen und … klingt grausam.

Da war meine Zeit für den Tag abgelaufen und ich musste den Wagen daheim abgeben. Ich hatte eine ziemlich schlechte Nacht und war wider meiner sonstigen Natur echt übellaunig. Ich habe schon neue Gehäuse designt und simuliert.

Mit etwas mehr Zeit und Geduld stellte sich aber am nächsten Tag heraus, dass einfach nur die Weiche falsch eingestellt war. Die drei Wege mussten vernünftig aufeinander abgestimmt werden. Das Reggae Soundsystem klingt jetzt ganz hervorragend. Hier der Aufbau. Alle Bohrlöcher in Decken und Wänden sind dort jetzt staubfrei.

Reggae Soundsystem
Reggae Soundsystem im Testbunker

Die erste Soundsystem-Session

Nach einiger Schlepperei und meiner ersten Fahrt mit einem Hänger sind die Schätzchen dann auch pünktlich zum Event aufgebaut. Der Sound war meiner Meinung nach extrem gut. Ok, ich bin voreingenommen. Aber sowohl Live-Gesang als auch Vinyl und Digital-Controller haben sich soundtechnisch wirklich gut angehört. Und wir waren noch weit weg vom maximal möglichen Pegel. Für den Raum aber schon ordentlich.

reggae soundsystem
Unser Reggae Soundsystem am Einsatzort

An dem Abend konnte ich auch noch nette Kontakte zu anderen Sounds knüpfen. Es sind wirklich einige sehr nette Menschen in der Szene unterwegs. Leider mussten wir extrinsisch motiviert die Musik gegen 23 Uhr leiser machen und um ein Uhr abbauen.

Ich am Regler und Plattenspieler
Ich am Regler und Plattenspieler

Einerseits schade, insbesondere für die Sounds, die gerne noch aufgelegt hätten. Andererseits konnte ich so die Lautsprecher noch am selben Abend verladen und mit Heim nehmen.

Am Sonntag wurden die knapp 400 Kilogramm wieder verladen (Thanks Peter und Martin!). Geliehene Kabel gingen zurück an den Besitzer (Thanks Frank „TopFrankin“). Und der Hänger wurde auch zurückgegeben (Thanks Thomas!).

Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wo der Begriff Heavy Weight herkommt. Der Krempel ist dermaßen schwer … das Wochenende mit der Schlepperei und den ausgebliebenen Malzeiten hat mich zwei Kilo gekostet. Skandal. Ich werde im Winter frieren müssen.

PA = Public Address. Muahaha. Es sollte lieber HE heißen. Heavy and expensive. Wenn man das öffentlich auch nur annähernd aufdreht, wird man weggejagt. Ich kenne jetzt schon zwei Leute, die eine Prämie für eine geeignete Location ausgesetzt haben. Na gut, die haben auch mehr als doppelt so viele Scoops wie ich sie mal haben will.

Wie es mit dem Soundsystem weitergeht

Jetzt ist hier erst mal Baupause und das Reggae Soundsystem wird, so wie es ist, gespielt. Vielleicht geht es nächstes Jahr mit dem Bau von zwei Scoops weiter. Aber erst mal muss sich die Kasse erholen. Leider ist der Sommer jetzt vorbei. Aber einmal möchte ich das System noch draußen hören.

Für Ende September ist noch eine familiäre Outdoor-Session in Emmerich geplant. Eine weitere Indoor-Session im November mit SuperSize. Um den Spannungsbogen zu halten, gibt es die Bilder dazu im nächsten Jahr zum nächsten Bericht.

Aber hier ein kleiner Vorgeschmack. Falls die zwei Scoops nächstes Jahr fertig werden, wird das Reggae Soundsystem etwas folgende Ausmaße haben:

  • Breite: ca. 2,7 Meter
  • Höhe: ca. 2,5 Meter
  • Gewicht: ca. 550 Kilogramm ohne Amps
  • Theoretisch (!) mögliche Summe der Leistungsaufnahmen: ca. 8 Kilowatt (was so ziemlich gar nichts aussagt. Klingt aber mächtig gut)
Sankofa Soundsystem (nächste Schritte)
Sankofa Soundsystem (nächste Schritte)

Hier zur Erinnerung das Ziel … für irgendwann.

Sankofa Soundsystem (der Traum)
Sankofa Soundsystem (der Traum)

Wofür das Sankofa Sound System steht

Für die Termine haltet ihr einfach die (noch recht spartanische) Facebook-Seite Sankofa-Soundsystem im Auge. So heißt die wummernde Brettersammlung jetzt.

(Aber nicht die Seite von Sankofa Sound System (getrennt geschrieben) aus Bogota, Kolumbien. Die dürft ihr auch im Auge behalten, aber dann müsst ihr eine längere Anreise einplanen. Wir haben uns über den doppelten Namen schon ausgetauscht und halten Verwechslungen oder gar Terminkollisionen für unproblematisch.)

Sankofa kommt aus dem Ghanaischen. Es bedeutet, in die Zukunft zu gehen, aber aus der Vergangenheit zu lernen und das Bewahrenswerte zu erhalten. Für ein Roots- und Dub-Soundsystem finde ich das sehr passend.

Wenn ihr lieber etwas mehr feiert oder voll und ganz zu der Fraktion der Handtuchschwinger gehört, schaut direkt bei meinen Freunden, den Jungs von SuperSize vorbei. Die werden das System wohl mehr mit neueren Riddims, Dancehall, Dubstep etc. befeuern.

Oft wird in unserer – nennen wir es in Ermangelung eines passenderen Begriffs – „Szene“ zwischen Reggae, Dub, Dancehall, etc. scharf getrennt in Bezug auf die Art aufzulegen, die Effekte, Riten und Gebräuche zwischen DJ und Publikum.

Ich fühle mich hier keiner Gruppierung vollends zugehörig. In jedem Segment finde ich Vieles gut und auch Einiges befremdlich. Musikalisch liebe ich sie alle. Daher dürfte es bei uns auch vielfältig zugehen.

Ich freue mich auf eure Kommentare, Fragen und Anregungen in den Kommentaren.

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Schmeißt den Laden hier. Mag Reggae und Rub-a-Dub mit Bass. Und manchmal HipHop. Liebt echte Soundsystems. Schreibt auch für's Riddim Magazin. Musiktipps gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

8 Gedanken zu „Wir bauen ein Reggae-Soundsystem, Teil 2

  1. Hallo,
    sehr schön endlich den zweiten Teil zu lesen.
    Ich hätte noch ne Frage dazu, welche Frequenzweiche(n) habt ihr verbaut. Welchen Amp nutzt ihr und welche Leistung bring der Amp?
    Ich hoffe ich habs nicht einfach nur überlesen…
    Danke
    Knut

    1. Hallo Knut,

      schön, dass es dir gefällt. Also die Weiche ist eine ganz einfache DCX2496, also eine Aktiv-Weiche. Behringer hat sonst nicht so den besten Ruf, aber bei der Weiche habe ich mich mal auf drei unabhängige Empfehlungen verlassen, dass man bei dem Modell nicht viel falsch machen kann. Bisher bin ich auch zufrieden. Oder nicht qualifiziert genug, die Defizite zu sehen/hören ;-)
      Um die nächste potentielle Frage zu beantworten, die aktuelle Konfiguration ist: 24db Flankensteilheit, Butterworth, 35Hz, 180Hz, 1.1KHz, 18KHz. Marginales ShortDelay auf den Mitten. Vermutlich überflüssig, da ausserhalb unserer Wahrnehmung.
      Amps hatte ich im ersten Artikel kurz auf Crown MacroTech verwiesen. Um deiner Frage gerecht zu werden, seien hier konkret die 2400 (1 Kanal Mitten/ 1 Kanal Höhen) und 3600(Je ein G-Sub an einem Kanal) genannt. Was da an Leistung raus kommt hängt sehr davon ab, wie man sie betreibt. Schau dir einfach mal in die Datenblätter an.

  2. Hoi!
    Sehr cooler Artikel!
    Überlege auch gerade zwei MT121 zu bauen. Mich würde es interessieren welche Treiber ihr da verwendet habt.
    Greets vom Ösiland

    Stefan

    1. Hi,

      Danke. Also es sind Treiber von Eighteensound verbaut. Mitten die 610er, Höhen die 1480er. Ich habe keinen Vergleich, aber mit dem Klang bin ich sehr zufrieden.

      Man kann sich aber auch durchaus für günstigere Treiber entscheiden. Ich will mich aber nicht so weit aus dem Fenster lehnen und hier Empfehlungen aussprechen. Schau mal ins Forum:

      Da kann dir bestimmt der eine oder andere eine erprobte Treiberempfehlung geben.

      Sobald du einen Kandidaten hast: Installier dir mal Hornresp und AkAbak. AkAbak musst du unter Windows7 in einer VM installieren. Es läuft nur auf einem 32bit System. Windows XP-Modus installieren. Oder unter Linux mit Wine.

      In Hornresp gibst du die Werte für Treiber und Box ein. Leider simuliert Hornresp ab einer gewissen Frequenz nicht mehr besonders gut. AkAbak ist das etwas besser, obwohl es schon sehr als ist. Das ist aber in der Bedienung für die meisten Anwender nicht mehr ganz so schön. Also aus Hornresp für AkAbak exportieren und in AkAbak importieren. Dann kannst du sofort die Simulation starten und hast etwas genauere Ergebnisse. Auch ohne Programmierkenntnisse.

      Oder bitte jemanden, das für dich mal zu simulieren. Aber es schadet definitiv nicht, sich damit auseinanderzusetzen.

      Ich hoffe ich konnte behilflich sein. Viel Erfolg und schreib mal was es geworden ist.

      Ralf

  3. Wow danke für die schnelle und ausführliche Antwort :)
    Werde mich mal mit der Simulation beschäftigen.
    Befinde mich noch in der Planungsphase, wird also noch ein bisschen dauern, bis Ergebnisse sichtbar sind ;)

    Stefan

  4. Hallo,

    ich lese hier immer noch interessiert mit.

    Früher habe ich ja auch Boxen gebaut, meist 18er BR nach Achenbach und sowas. Heute hab ich das alles nicht mehr da es so schöne kleine und vergleichsweise leichte Aktiv Systeme gibt, meine 3,6 kw rms wiegen gerade mal noch 110kg und passen bequem in den PKW. Mit Ü50 und kaputtem Rücken weis man das zu würdigen. Der schmerzte schon bei obiger Schleppereibeschreibung.

    Aber es ist doch immer wieder schön mal so ein gutes Oldschool WOS-soundsystem entstehen zu sehen das sich einen Dreck um Kammfiltereffekte, Phasing und dergleichen schert.

    Bin gespannt wie es weiter geht.

    P.S. DCX ist doch ok, hatte ich in der alten Anlage auch jahrelang und nie Probleme. Der Ohringer baut zwar gerne auch mal Müll aber der dcx und deq haben mir immer treu gedient. Manche Leute dissen da gern mal weil Ihr „amtliches“ Teil das dreifache kostet und auch nicht besser klingt.

    1. Salut Brockesound, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich freue mich sehr, dass du hier mitliest und bin selbst sehr gespannt, wie es bei Ralf und der Crew weitergeht.

      Mit Ü50 und kaputtem Rücken hast du in deinem Leben vermutlich auch schon genug geleistet. Da brauchst du keine Boxen mehr schleppen ;)

  5. Moin,
    Die Teile haben es mir echt angetan und ich plane die selben auch zu bauen.
    Könnt ihr ein paar Jährchen später sagen, dass ihr die richtige Entscheidung mit den Boxen getroffen habt?
    Und könnt ihr mir eine passive Weiche empfehlen ?

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