Jamaram im Interview: „Wir sind bühnensüchtig – fertig, aus!“

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Die acht Jungs von JAMARAM kommen aus Bayern. Gemeinsam spielten sie weltweit bereits mehr als 1.200 Konzerte (Foto: JAMARAM)

Für viele begann es mit einer Bob-Marley-Platte. Mich jedoch hat diese Band erstmals so richtig mit Reggae in Berührung gebracht: JAMARAM.

Es war 2008, als sie auf Straßenmusiktour durch Deutschland unterwegs waren und zufällig in der Mensa meiner damaligen Schule spielten.

Sieben Jahre und unzählige Shows später habe ich Murxen und Lionel von der JAMARAM-Band zum Interview über Tourleben, alte Zeiten und Groupies getroffen.

Sie sind unterwegs, oft unterwegs – ja, sogar sehr oft unterwegs. Es gibt wohl kaum eine andere Band, die so häufig auf Tour ist wie JAMARAM. In 15 Jahren Bandgeschichte spielten sie weit mehr als 1.200 Shows auf der ganzen Welt. Vom deutschsprachigen Raum über Italien, Kroatien bis hin nach Uganda, Brasilien oder Simbabwe. So klingt es schon fast provinziell, dass ich JAMARAM mal wieder in meiner Heimatstadt Dresden treffe.

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Bei jeder Show gibt’s den letzten Song inmitten des Pubikums (Foto: LifeLine Photography)

Als Sänger Tom, Gitarrist Sam und Drummer Murxen die Band 1999 gründen, gab es nur einen Plan: „Wir wollten einfach so oft spielen wie möglich und haben genau das bis heute durchgezogen“, blickt Murxen zurück.

Als noch unbekannte Band eignet sich zu Beginn dafür natürlich am besten Straßenmusik: „Das Erste, was wir mit der Band gemacht haben, war durch Italien zu reisen. Quasi unsere erste Auslandstour. Wir spielten auf dem Markusplatz in Venedig oder in den kleinen Gassen der Städte. Es war geil!“ JAMARAM machte sich zuerst in der Münchner Szene einen Namen und wurde über die Jahre durch die vielen Konzerte und Festivalshows deutschlandweit immer bekannter.

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Mit Straßenmusik fing alles an, doch auch heute noch spielt JAMARAM gern einfach drauf los (Foto: Archiv JAMARAM)

Das blieb auch von großen Booking-Agenturen nicht unbemerkt. Doch nach dem ersten Gespräch stand für die Band schnell fest, dass sie das Angebot nicht annehmen werde: „Als die meinten, sie würden im Frühjahr 10 bis 20 Gigs und im Herbst 10 bis 20 Konzerte organisieren, haben wir alle sofort gesagt: ‚Ok, danke – tschau‘. Das ist uns einfach viel zu wenig“, erinnert sich Murxen Alberti.

„Wir sind bühnensüchtig – fertig, aus. Wir sind dahingehend einfach die krassesten Junkies“, sagt Keyboarder Lionel. „Ich liebe es vor Publikum zu spielen und Feedback zu bekommen. Deswegen funktioniert das so wunderbar mit JAMARAM. Deshalb ermöglichen wir es, so oft miteinander zu spielen, so viel aufeinander zu hocken und durch die Welt zu reisen. Weil wir alle diese Sucht teilen.“

Die Angst, dass die Jungs in einer Stadt mal nur vor vereinzelten Zuschauern auf der Bühne stehen, ist trotz ausverkaufter Shows in manchen Teilen Deutschlands immer da: „‘Heut Abend kommt keine Sau‘, das ist schon mein Standartspruch“, sagt Murxen. „Die Angst ist teilweise ja auch nicht unberechtigt. Es ist nicht so, dass wir in der ganzen Republik vor vollem Haus spielen. Bei uns kommt das noch immer auf die Region an. Das hält einen gleichzeitig aber auch auf dem Boden.“

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In ihrer Heimatstadt München sind ihre Konzerte mittlerweile regelmäßig ausverkauft (Foto: Désirée Damm / www.textbau.com / facebook.com/textbau)

Eine Konstante im Bandleben von JAMARAM sind die Auslandsreisen. Zuletzt waren die acht Jungs in Simbabwe unterwegs. Wichtig ist ihnen dabei vor allem der kulturelle Austausch mit Musikern aus dem jeweiligen Land – für Lionel unverzichtbar: „Das muss man einfach machen, wenn man voran kommen will. Es prägt einen ganz automatisch und hält das ganze Ding lebendig.“

Die Prägung der letzten Reise ist derzeit im neuen Album Heavy, Heavy zu hören. Zusammen mit Musikern aus Simbabwe, die sie während der Tour kennengelernt haben, aufgenommen, klingen die Songs deutlich afrikanischer als auf früheren JAMARAM-Alben.

Für die Band bringen die Auslandsreisen Abwechslung in den Alltag: „Wenn ich mir vorstelle, dass wir zehn bis zwölf Jahre jedes Jahr in denselben Clubs spielen, dann glaube ich, läuft sich das schneller tot“, sagt Murxen. „Wenn du aber zwischendurch so große Reisen hast, erweitert das deinen Horizont und schweißt dich als Band zusammen. Dann spielst du auch auf einmal wieder lieber zum neunten Mal in dem kleinen Club in der kleinen Stadt. Für uns ist es eine Überlebensstrategie.“ Nächstes Jahr soll es nach Kolumbien gehen.

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Saxophonist Peppi posiert kurz für ein Erinnerungsfoto in Simbabwe, während Keyboarder Lionel bereits das Equipment auslädt (Foto: Archiv JAMARAM)

Wenn JAMARAM nicht gerade mit dem Flieger durch die Welt reist, sind der Sprinter und die Autobahn ihr zweites zu Hause. Wer denkt, dass die Münchner ganz bequem im großen Nightliner touren, täuscht sich. Ohne Major-Label sind die Kosten dafür kaum zu stemmen. Und so ist man als Acht-Mann-Band im Sprinter doch eher als Ölsardine unterwegs.

Doch womit beschäftigen sich die Jungs eigentlich die ganze Zeit im Tourbus? „Es gab eine Zeit, wo wir unsere Laptops offen hatten und alle entweder Film geschaut oder Musik gehört hatten. Dann schläft man natürlich und man redet. Die ersten fünf Minuten, okay sagen wir zwei Minuten, sogar über etwas Cleveres und Philosophisches. Aber dann, dann driftet es schnell in Fäkalhumor ab“, bekennt Lionel. Murxen lacht und fügt hinzu: „Je länger die Fahrt wird, desto krasser wird der Niveauverlust. Nach einer gewissen Zeit versteht nur noch derjenige was, der schon lange im Bus sitzt.“

Die Hoheit über das Autoradio hat dabei immer der jeweilige Fahrer: „Bei unserem Sänger Tom läuft dann harter Ghetto-HipHop, Bassist Benni hört beispielsweise von Metal bis Jazz alles. Saxophonist Peppi und Percussionist Nik haben den ausgewogensten Musikgeschmack.“ Das Hauptziel sei es, dass es niemanden nervt.

Apropos nerven: Ein No-Go im Tourbus von JAMARAM ist es mittlerweile, mit der Gitarre oder Ukulele an neuen Songs zu arbeiten. Das liegt vor allem am Platz-Problem im engen Sprinter: „Der eine will schlafen, der andere konzentriert am Laptop arbeiten. Wenn dann zwei Zentimeter neben deinem Kopf jemand kreativ ist, dann klappt das nicht.“

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Eine schon ältere Momentaufnahme zeigt, dass der Spaß im Tourbus nicht zu kurz kommt (Foto: Archiv JAMARAM)

Doch nicht immer ist alles irie. Wenn acht Charaktere stundenlang auf einem kleinen Raum zusammen sind, ist Streit quasi vorprogrammiert: „Früher gab es echt heftige Streits, mittlerweile sind wir altersmilde. Es heizt sich kurz auf, doch dann weiß man, dass es die Energie nicht wert ist, die man aufbringt, um sich zu streiten“, sagt Murxen. Lange währen die Streits sowieso nicht: „Spätestens auf der Bühne ist ‚musical Healing‘ angesagt und danach ist alles wieder vergessen.“ Mittlerweile ist das Tourleben für die Jungs auch sowas wie Urlaub vom Alltag. Da hat Streit keinen Platz.

Viele Bandmitglieder sind unterdessen Familienväter und haben nicht nur für sich selbst eine Verantwortung. Eine richtige Straßenmusiktour wie 2008 kommt deswegen nicht mehr in Frage: „Wenn man der Frau mit Kind sagen kann, dass man vom Wochenende zurückkommt und ein paar Hundert Euro in der Tasche hat, dann lässt sich die Abwesenheit um einiges besser erklären, als wenn man sagt: ‚Wir fahren jetzt drei Wochen auf Straßenmusiktour, ich weiß nicht wie es läuft – mal schauen‘. Das kommt nicht so gut an“, erklärt Murxen.

Der Reiz ist jedoch immer noch da. Weswegen solche Projekte dann im kleineren Kreis durchgezogen werden. Vor zwei Jahren hat sich Murxen daher spontan einen kleinen Bus gekauft und ist mit Lionel und einem Musikerkollegen als „Il cocodrilo“ durch Italien, Spanien und Südfrankreich gereist.

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Als „Il cocodrillo“ waren Lionel (l.) und Murxen (m.) als Straßenmusikanten zusammen durch Südeuropa gereist (Foto: Archiv JAMARAM)

Bei so vielen Konzerten und Reisen könnte man schnell auf den Gedanken kommen, dass das Privatleben komplett untergeht. Lionel sieht das anders: „Wir sind zwar fast jedes Wochenende unterwegs, aber dafür unter der Woche im besten Fall eigentlich daheim. Es ist ein anderer Rhythmus: Wir haben ein 5-Tages-Wochenende und ihr eben nur ein 2-Tages-Wochenende.“

Für die Partnerinnen und Kinder trotzdem sicher nicht immer eine leichte Situation. Die Anzahl der Konzerte zu verringern, käme allerdings nicht in Frage: „Unsere Partnerinnen haben uns ja alle so kennengelernt. Es gibt kaum jemanden, der seine Freundin schon vor der Band hatte und irgendwie hatte die Band fast immer etwas damit zu tun, dass man sich kennengelernt hat. Deshalb muss man das so akzeptieren“, sagt Murxen.

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Die Band ist über die Jahre zu einer kleinen Familie zusammengewachsen (Foto: Archiv JAMARAM)

Um das Ganze körperlich überhaupt durchzustehen, muss man fit sein. Dafür hat die Band ein ganz besonderes Sportspiel eingeführt: Do the Twenty! „Wenn ich einem Bandkollegen sage ‚Do the 20‘, muss er auf der Stelle 20 Liegestütze machen. Egal wann, egal wo! Jeder kann jeden 20 Liegestütze machen lassen und da kommt man am Tag locker schon einmal auf 120 Liegestütze“, erklärt Murxen das Spiel. Auch die Routine des Sets sei ein wichtiger Faktor. Seit eh und je spiele JAMARAM die Show genau zwei Stunden lang: „Ich glaube wenn wir 2,5 Stunden spielen würden, wären wir fix und fertig“, meint Lionel.

Doch wie geht man mit Tagen um, an denen nur wenig Lust auf eine Show am Abend besteht? „Augen zu und durch. Aber dadurch, dass wir mittlerweile so routiniert sind, ist es einfacher die Show trotzdem zu spielen. Wenn man jedoch über einen längeren Zeitraum keinen Bock hat, kann man sich eigentlich gleich aus der Band verabschieden. Dann hat man für sich selbst den Anfang vom Ende eingeleitet“, gibt Lionel zu verstehen.

Jüngst erst hat Trompeter Max die Band verlassen, da die rund 100 Konzerte pro Jahr ihm doch zu viel waren. Vereinzelt treffe Murxen auch Musiker von früher, die längst in anderen Berufen unterwegs sind und sich wundern, dass JAMARAM das immer noch so durchzieht.

Und jeden Abend immer und immer wieder die gleichen Songs spielen, das teilweise über Jahre hinweg – nervt das nicht manchmal? Das Problem haben die Jungs geschickt gelöst: „Manche Songs, die zu langweilig wurden, haben wir einfach in einen anderen Stil gepackt.“ Green Leaf beispielsweise ist aber noch im ursprünglichen Gewand und sorge jedes Jahr für Diskussion bei der Setlist-Zusammenstellung. Es sei eine Hassliebe, so Murxen. Doch wenn die demokratische Mehrheit den Song so spielen will, dann muss der andere Teil der Band den Song eben wieder bei 100 Shows spielen. Da müsse man durch.

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Im jährlichen Probencamp wird gemeinsam die Setlist bestimmt. Nicht selten wird darüber lang diskutiert. (Foto: Archiv JAMARAM)

Damit jeder einmal völlig abschalten kann, gibt es im Sommer eine 6-wöchige Bandpause, in der jeder seins macht. „Das ist auch gut so“, sagt Murxen. „Da kommt jeder einfach frischer zurück und freut sich, wieder etwas mit den Jungs zu machen.“ Dass sich Rituale nach einer Tour mit dem Lebensalter wandeln, musste Lionel kürzlich erfahren: „Ich kam gern heim und hatte mich eingesperrt, die Füße hochgelegt und fern geschaut. Jetzt komme ich heim und bin im wunderschönen Chaos eines Familienlebens.“

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Bei den Auslandsreisen tanken die Jungs von JAMARAM neue Kraft. Wichtig ist ihnen dabei vor allem der kulturelle Austausch mit den Menschen. (Foto: Max Alberti)

Und was ist eigentlich mit Groupies? Was ist mit “Sex, Drugs and Rock ‘n Roll“? Zieht man nach dem Konzert noch durch die Stadt? „Das war früher anders, als man noch an den Frauen interessiert war“, lacht Murxen. „Frauen sind ein großer Faktor dafür, dass man sich nach dem Konzert noch aufrafft, etwas unternimmt und sich in Clubs mitziehen lässt. Das ist aber meist mittlerweile nicht mehr so. Es ist auch kräftezehrend. Ich hab nicht mehr so Spaß dran, mir die Nächte um die Ohren zu schlagen.“ Stattdessen sei man morgens frischer und gehe joggen. So So…

Nochmal ein kurzer Blick zurück in die Bandvergangenheit: Wenn Lionel und Murxen ein Bandjahr noch einmal erleben könnten, wären es die Jahre mit den großen Reisen nach Uganda und Brasilien: „Es ist geil, wenn du nach Uganda reist – ein Land, ein Kontinent, wo du noch nie warst und du fährst in die Stadt und überall hängen schon deine Plakate“, schwärmt Murxen. In Brasilien nahm die Band zusammen mit „Cores do Tambor“ das Video zum Song Carried Away auf.

JAMARAM Carried Away feat. Cores do Tambor – official videoclip

Doch vor allem auch die Anfangsjahre hatten ihre ganz eigenen magischen Momente: „Wenn man im Umkreis München so langsam eine Fanbase aufbaut, auf größeren Sachen wie dem Tollwood Festival spielt und man auf der Straße merkt, dass die Leute dich durch deine Band kennen. Das ist der Wahnsinn.“

Mittlerweile spielen die acht Jungs auf den ganz großen Bühnen. Gedanken an eine Bandauflösung gab und gibt es bei JAMARAM nicht. Natürlich gäbe es immer einmal wieder Sinneskrisen, in denen man mit dem Konzept unzufrieden ist oder man aus der eingefahrenen Sache einfach heraus will. Doch jeder weiß, wie schwer es ist, etwas Vergleichbares aufzuziehen: „Es ist schon ein Phänomen, dass es die Band so lange gibt. Natürlich macht es auch immer noch viel Spaß. Und da will man das nicht aufgeben, nur weil einem das vielleicht gerade nicht passt“, sagt Murxen. Musikalisch in eine andere Richtung ausleben muss man sich dann in Soloprojekten, wie das zuletzt Gitarrist Sam als „Samy Danger“ tat.

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Riesige Festivalshows wie hier beim Chiemsee Reggae Summer sind für JAMARAM keine Seltenheit mehr. (Foto: Hanna Heider / www.foto-rock.com)

Wer jetzt zum Schluss noch auf ganz verrückte Geschichten aus dem Tourleben hofft, den muss ich leider enttäuschen. Denn die gäbe es gar nicht, meinten Murxen und Lionel. Die schlimmen Dinge träumen die beiden nur: So erfuhr ich von Albträumen über eine Nightliner-Fahrt rückwärts, bei Vollgas über die Autobahn oder einem Konzert, bei dem auf einmal das Drumset unerreichbar weit weg steht. Doch so wirklich schief gegangen sei in 15 Jahren Bandgeschichte nichts. Dann bleibt doch nur noch zu wünschen, dass das auch in Zukunft so bleibt!

PS.: Grüße nach Bayern an die JAMARAM-Band, speziell an Murxen und Lionel. Danke für das Interview. Keep on rocking, bis zum nächsten Mal!

Flo
Musik machen, Musik hören, über Musik schreiben – Musik ist mein Leben. Die Liebe zu Reggae und Dancehall begleitet mich seit einigen Jahren und lässt mich nicht mehr los. Big up!

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