Warum ich Reggae Soundsystems liebe feat. Irie Ites Sound

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Irie Ites Sound
Irie Ites Sound
Irie Ites Sound

Bisher habe ich die Soundsystem-Kultur nur beobachtet. Am Wochenende war ich mal mittendrin beim Irie Ites Sound aus Kassel.

Ich durfte meine Lieblingsplatten spielen, in der Nacht mit ein paar duften Leuten Riddims reiten und am nächsten Tag (ein bisschen) Lautsprecher tragen. Großartig!

Wenn du eine halbe Tonne Technik in den Transporter lädst und vier Stunden das Gaspedal auf Anschlag drückst, damit die PS-schwache Kiste rollt.

Wenn du eine halbe Tonne Technik aus dem Transporter lädst und dann ein paar Stunden aufbaust und verkabelst, um zwei Abende deine Lieblingslieder für geschätzte 30 Leute zu spielen.

Wenn du eine halbe Tonne Technik wieder in den Transporter packst und übermüdet eigentlich keinen Bock auf die Rückfahrt hast, du dein Soundsystem aber wieder in die Heimat bringen musst.

Wenn du das alles machst, dann musst du a) absolut lieben, was du da tust, und b) Leute um dich haben, die es auch so lieben wie du. So wie die Jungs vom Irie Ites Sound. Spezielle Anfrage an Micha, Sensi I, King Toppa und Baba (und Katja).

irie ites sound, soundsystem
Irie Ites Sound

Und eigentlich alles nur, weil Reggae, Dub, Dancehall und – wie ich lernen durfte – auch Cumbia auf einem echten Soundsystem „besser klingen“ als auf einer PA? Ja, genau darum (und aus nostalgischen Gründen und vermutlich für den Gemeinschaftssinn).

Besser klingen heißt für mich in diesem Fall, dass ich die Musik nicht nur höre, sondern auch fühle. Richtig fühle. Im Club kommt der Klang von überall her. Meist ist es einfach nur laut. Ich fühle höchstens, dass mir auf dem Heimweg die Ohren dröhnen.

Die Heimanlage? Tja, da hast du in der Regel auch nur Bass und Druck auf den Ohren, selten im ganzen Körper. Egal wie gut der Roots Reggae eingespielt ist, seine volle Wirkung entfaltet er für mich nur auf einem dicken Soundsystem.

Diese Sekunden, wenn Micha oder Sensi ein Lied ohne Bass starteten und nach den ersten Tönen den Regler aufdrehten. Unfassbar überwältigend.

Noch überwältigender ist nur, wenn du selbst am Regler spielen und dein Reggae und Dub Vinyl auflegen darfst. Welche Wucht sie auf dem Irie Ites Sound hatten. Wahnsinn! Als ich sie einen Tagen später noch einmal Zuhause auf den Plattenteller legte, war ich wirklich traurig. Mir fehlt etwas, das ich vorher nie vermisst hatte.

Am Rande bemerkt: dem Soundsystem ist egal, ob ihr mit Notebook oder Schallplatten auflegt. Klingt beides dufte. Klar, Schallplatten sind stilecht, aber auch übel schwer. Das habe ich auf meiner Reise von Berlin nach Hamburg und zurück gelernt.

Zu einer stilechten Soundsystem Sause gehört natürlich auch, dass sich ein paar Leute das Mikrofon schnappen und über Instrumentale reiten. Wie meinte Mr Moe aus Lübeck: „Das ist echte Dancehall-Kultur. Ein Riddim die ganze Nacht und alle drauf, Rub-a-Dub Style.“

rub a dub session
Rub-a-Dub Session mit Baba Message, mir, Mr Moe und King Toppa (Foto: Irie Ites Sound)

Ja, stimmt, das war wirklich magisch. Du brauchst nur ein „BIMM“ ins Mikrofon zu rufen und fühlst dich wie der neue Lone Ranger oder Ranking Joe.

Spezielle Anfrage nochmal an King Toppa für die Session. Wenn ihr digitalen Reggae und Dancehall mögt, prüft seine Produktionen. Definitiv auf dem Weg nach oben, der Junge. Neben mir waren zwei afrikanische Künstler dabei, die ihr euch auch unbedingt anhören solltet: SK Simeon und Toolman.

SK Simeon – Round Of Applause (OFFICIAL VIDEO 2015)

Fast vergessen, Irie Ites MC Baba Message war auch im Einsatz. Sehr sympathischer Kollege.

Ein weiterer Höhepunkt der Irie Ites Sause: King Toppa spielte Cumbia. Dieses Genre ist bisher komplett an mir vorbeigegangen. Etwas eintönig, weil alle Lieder denselben Grundbeat haben, aber ungemein tanzfreudiger Stoff. Im Prinzip Reggaeton mit angezogener Handbremse.

Das spielt mal auf einem amtlichen Soundsystem. Dann springen die Leute zur Seite, weil sie nicht vom Zug überfahren werden wollen.

Falls ihr in eurer Stadt kein eigenes Soundsystem habt oder noch eins für das nächste Festival sucht, ladet euch unbedingt mal die Irie Ites Jungs ein. Grundsympathisch und musikalisch offen von Roots bis Cumbia.

Spezielle Anfrage an alle Deejays, Selectah und Gäste dieses großartigen Wochenendes – und ganz besonders an Karsten Frehe von Irie Ites.

#EeneLiebe

Nils. Ohne E. Mit Hut.
Schmeißt den Laden hier. Mag Reggae und Rub-a-Dub mit Bass. Und manchmal HipHop. Liebt echte Soundsystems. Schreibt auch für's Riddim Magazin. Musiktipps gern an: nils(at)houseofreggae(dot)de

15 Gedanken zu „Warum ich Reggae Soundsystems liebe feat. Irie Ites Sound

  1. Hej,

    netter Artikel der ganz gut erklärt warum man echte Soundsystems mit eigenen Boxen braucht.

    Nur ein Punkt ist disskussionswürdig:
    „dem Soundsystem ist egal, ob ihr mit Notebook oder Schallplatten auflegt. Klingt beides dufte. Klar, Schallplatten sind stilecht, aber auch übel schwer.“

    Also erstmal stimmt es sicherlich, dass es dem Soundsystem egal ist womit man auflegt. Dem kundigen Soundsystem-Hörer wird jedoch nicht entgehen, dass Schallplatten in den meisten Fällen wesentlich besser klingen als Musik vom Laptop.
    In der Regel weist Musik von der Platte eine wesentlich bessere Dynamik auf als die digitalen Formate bieten können. Zum anderen wird bei digitalen, komprimierten Medien nur der angeblich akustisch relevante Teil der Musik gespeichert und wiedergegeben. Tiefe Frequenzen, die man eher fühlt als sie zu hören, kommen von der Platte viel fetter, während sie bei digitalen Formaten eher schwächer wiedergegeben werden.

    Ich würde es also genau andersherum ausdrücken: Auf normalen Club-PAs mag die MP3 genügen, während sich auf dem Soundsystem der Einsatz von Vinyl richtig lohnt.

    1. Hi Addi, vielen Dank für deinen Hinweis. Ich bin kein echter Klangexperte. An dem Abend wurde sowohl Musik von Vinyl als auch vom Rechner gespielt – und ich habe keinen Unterschied wahrgenommen. Den merke ich vermutlich nur, wenn ich mich komplett darauf konzentriere. Wenn ich auf einer Soundsystem Sause bin, konzentriere ich mich aber selten. Ich tanze, rufe „BOOH BOOH BOOH! und macht anderen Quatsch ;)

  2. Klasse geschrieben! Und während ich so auf meine mittlerweile unzähligen Vinyls blicke & für’s Wochenende sortiere fällt mir wieder einmal auf dass ich wahrscheinlich keine einzige davon besitzen würde, wenns Irie Ites nicht gäbe und bin fast ein bischen entäuscht, dass der Sound der Platten nicht über das Irie Ites Soundsystem laufen wird! BigUp Irie Ites, BigUp HouseOfReggae!

  3. @Addi
    ich liebe auch vinyl und bin auch überzeugt das es besser klingt aber das mit der dynamik is blödsinn ;)

    -> dynamikumfang cd 96 db
    -> dynamikumfang schallplatte 60 db

  4. Hi,
    ich mag auch Platten lieber, denke aber, dass digitale Systeme einfach ein Imageproblem hat. Das kommt meiner Meinung nach von den ganzen Bedroom-DJs, die mit 128 kBit MP3s auflegen. Mit solchen Dateien klingt das wirklich übel.
    Wenn man allerdings saubere WAVs oder Flacs oder zur Not auch mal eine 320er Mp3 benutzt ist der Unterschied meiner Meinung nach zu vernachlässigen.

    Nichts desto trotz Vinyl nach vorne!!!

    Schöne Artikel! Danke Nils!

    Bless,
    Micha

    1. Prüf die Jungs auf jeden Fall. Ich nehme mal an, da wird demnächst auch noch mehr gemeinsam mit King Toppa kommen.

    1. Salut Preed, vielen Dank für den Tipp. Ich habe gerade mal reingehört. Das klingt live schon ein bisschen weniger nach Diskorums als auf einem Soundsystem :)

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