Cham, Pinchers und Spice in Berlin: ein Konzert-Bericht
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Ich bin spät dran. Laut Flyer soll das Konzert um 21.00 Uhr beginnen. Volle Kraft voraus trete ich in die Pedalen meines Fahrrads und erreiche 21.14 die Berliner Kulturbrauerei. Auf dem Innenhof empfängt mich gähnende Leere. Ein buntes Plakat weist darauf hin, dass hier seit einer viertel Stunde die Post abgeht: Baby Cham, Pinchers und Spice sind zu Besuch in der Hauptstadt. Doch bis das erste heiße Pferd aus dem Madhouse-Stall tatsächlich auf die Bühne galoppiert, vergeht noch fast eine Stunde.
Berliner Warm-Up
Bühnenpräsenz zeigt zunächst nur die Berliner Lokalgröße Selecta G, der im Warm-Up routiniert die Platten drehen lässt. Vor der Bühne ist reichlich Platz, das Publikum drängt sich in kleinen Gruppen am Rand. Ab und an durchkreuzt einer die freie Fläche, um Freunde zu begrüßen. Wo sind die Leute? Liegt es am BVG-Streik, am Termin mitten in der Woche oder weiß der Rest einfach, dass so ein Konzert nie pünktlich beginnt?
21.40 ist es soweit. Die Musiker kommen auf die Bühne und checken ihre Instrumente: ein Schlagzeug hinten in der Mitte, zwei Synthesizer-Stationen links und rechts, ein Bass. Inzwischen sind auch einige Dancehall-Queens eingetroffen und erhöhen die Frauenquote auf zehn Prozent. Eine von ihnen, im engen Jeanskleid mit weißen High Heels, wird später mit Pinchers tanzen dürfen. Langsam füllt sich der freie Raum vor der Bühne, am Ende sind geschätzte 180 Leute da.
Spice: Bad gal outta jamaica
„Berlin, are you ready?“, ertönt es gegen 22.00 Uhr von der Bühne. Schon längst, möchte man dem Ansager entgegen rufen. Die Antwort des Publikums jedoch ist verhalten. „Berlin, are you alive?“ Berechtigte Frage. Die Band stimmt die ersten Töne an, in der vorderen Reihe laufen die Dancehall-Queens und Fotografen auf. Dann öffnet sich eine Seitentür. Aus dem grellen Licht stürmt ein kleines Energiebündel in Gold und Schwarz direkt auf die Bühne: Spice. Ihre gewaltige Haarpracht mit einer roten Strähne ist eine klare Kampfansage an Tina Turner.
„Mi a di bad gal outta jamaica“, stellt Spice (Foto: Contour Music) klar und schon sitzt sie im Spagat mit wippenden Hüften vor dem Publikum. Kurz darauf holt sie eine Dancehall-Queen namens Nikita auf die Bühne und gibt einen Tanzkurs: Hot Wuk, Dutty Wine, beides in Kombination. Sie ist so energetisch, dass ihre riesigen Ohrringe keinen Halt mehr finden und herunterfallen. Zwischendurch holt Spice ein paar ihrer Hits heraus, preist ihre Bett-Qualitäten an und probiert sich in der Zugabe an einem Song von Alicia Keys. Eine heiße Show, doch richtig warm ist das Publikum noch nicht nach der halben Stunde.
Pistolenfinger für den Bandolero
Kaum ist Spice Backstage verschwunden, kommt der „Original Bandolero“ Pinchers (Foto: Contour Music) herein. In schweren Stiefeln und hellem Anzug streift er über die Bühne. Trillerpfeifen zerren an meinem Gehör, Pistolenfinger schnellen in die Luft. Das Publikum ist endlich „alive“. Neben vielen Tunes präsentiert Pinchers vor allem eine riesige silberne Gürtelschnalle – groß wie ein Unterteller, mit einem Stierschädel darauf. Nacheinander arbeitet er Riddim-Klassiker wie „African Beat“ und „Cherry Oh Baby“ ab. Sein großer Song „Agony“ ist ebenfalls zu hören.
Wenn Pinchers Liebe macht
Einer Besucherin erklärt er: „When Pinchers makes love, he let you slide on a rainbow.“ Den bis dahin meisten Zuspruch bekommt er für eine Bounty Killer-Imitation. Komisch. Für „Rude Boy Love“ holt Pinchers die kleine Spice zurück auf die Bühne. Während des Tunes greift er sich ab und an beherzt in den Schritt. Dann stimmt er „Bandolero“ an. Das Publikum tobt und singt zum ersten Mal an diesem Abend einen Song komplett mit. Nun hat die bereits erwähnte Dancehall-Queen im Jeanskleid ihren Auftritt. Nach einer halben Minute ist er wieder vorbei und auch Pinchers verlässt die Bühne. „More Pinchers, more Pinchers“ schallt es durch den Raum, getragen von der Geräuschkulisse eines Affenhauses. Pinchers hat keine Wahl, er muss noch mal ran für einen Song, trotz Problemen mit der Stimme, wie er sagt. Zu den ersten Tönen des „Eighty Five“-Riddims verlässt er endgültig die Bühne.
Klitschko in der Dancehall
Die Spannung im Publikum steigt merklich. Es ist Zeit für den Star des Abends, Zeit für Baby Cham (Foto: Contour Music). Vor der Backstage-Tür formt sich eine größere Gasse, auf der Bühne macht die Band gehörig Druck. So ähnlich muss es sich anfühlen, wenn Klitschko zum Boxkampf einmarschiert. Dancehall-Schwergewicht Cham geht ruhig zu seinem Arbeitsplatz – und plötzlich legt er los. Eine unglaubliche Präsenz im schlichten Outfit: Basecap, grünes T-Shirt, Jeans, weiße Sneaker. Und natürlich mit Schmuckausstattung inklusive der goldenen Cham-Kette. Seine Gürtelschnalle ist nur halb so groß wie die von Pinchers, sein Ego und Bewegungsspielraum sind umso größer.
Cham erzählt von der Liebe
„Babylon Boy“ dröhnt aus den Boxen. Cham testet, ob das Publikum seine musikalischen Wurzeln kennt, stimmt „Many Many“ an, jagt über den „Joyride“-Riddim, probiert sich an Johnny Osbourns „Budy Bye“ und Supercats „Coca Cola Shape“. Cham erzählt die Geschichte von seiner Bekannten Yasmin, die er vor Kurzem getroffen hatte. Mitten im Gespräch ging sie ins Bad und Cham hörte ein brummendes Geräusch. Unvorstellbar für ihn, dass Yasmin einen Vibrator benutzte, während ein Mann wie er im Zimmer nebenan saß. Ausführlich berichtet Cham von seinen Talenten im Bett und bricht lachend ab. Ein sympathischer Mann.
Weiter geht das Programm auf dem „Bruck Out“-Riddim, dann ist Tanzzeit: Raindrop, Willie Bounce, ThunderClap – Cham hat alle Schritte drauf (mehr Infos). Seinen Hit-Tune „Vitamine S“ umrahmt er mit einer Rede über den Umgang mit Frauen, die so in keinem Aufklärungsbuch zu finden sein dürfte. Die wichtigste Tipps: kein Spülmittel in die Badewanne, viel Öl für die Massage. Für „This Is Why I’m Hot“ dreht Cham das Basecap nach hinten, leiht sich die große Sonnenbrille seines Keyborders und schlüpft in den Rolle des Rappers Mims.
Ich höre noch seinen Beitrag auf dem „Overdrive“-Riddim, dann muss ich los. Auf dem Weg nach Hause dringen die nächtlichen Geräusche nur stark gedämpft in meine Ohren und ich ärgere mich, dass ich noch immer keine Kamera besitze.
Mehr Infos:
- Fotos von Baby Cham, Pinchers und Spice in Berlin (ReggaeInBerlin.de)
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