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NEON-Beitrag sorgt für Aufruhr in der Reggae-Community

NEON, Ausgabe Februar 2008Homophobie in der jamaikanischen Kultur, in Reggae- und Dancehall-Texten ist ein Thema, das gewöhnlich von Schwulen- und Lesben-Organisationen auf den Tisch gebracht wird – und völlig zurecht. Aktuell sorgt jedoch ein Beitrag in der Februar-Ausgabe des Magazins NEON für Aufregung in der deutschen Reggae-Community. Unter dem Titel „Mördermusik“ versucht Autor Ingo Mocek ein Bild von der schwierigen Lebenssituation schwuler Jamaikaner zu zeichnen – und sticht damit in ein Wespennest. Die Online-Ausgabe des Textes schleift bereits einen gewaltigen Schweif von Kommentaren hinter sich her, und auch in diversen Foren wird eifrig diskutiert. Zeit, sich selbst einmal Gedanken zu machen.



Problematisch ist Moceks Einstieg – „Mördersound“. Ein Titel wie ein Brandeisen, dazu bestimmt, tiefe Spuren im sonnigen Gemüt einer, so könnte man es lesen, ignoranten deutschen Jamaican-Sunshine-Fraktion zu hinterlassen, deren Reggae-Verständnis nicht über „Dreadlocks, Bob-Marley-Aufnäher und Rasta-Farben“ hinausgeht. Da verwundert es schon, wenn der Autor anschließend einen recht objektiven, wenn auch bezüglich der Thematik einseitigen Beitrag abliefert.

Noch mehr verwundert jedoch, dass es darin kaum um „Mördersound“, also Reggae mit homophoben Tendenzen geht. Lediglich die üblichen Verdächtigen wie Beenie Man, Sizzla und Buju Banton werden an einigen Stellen erwähnt, selbst zu Wort kommen sie nicht. Viel häufiger taucht hingegen das Wort Polizei auf, die scheinbar eine viel größere Bedrohung für die Homosexuellen darstellt als jeder Reggae-Musiker.

Zurecht wird sich in den Foren und Kommentaren gefragt, was der Autor mit seinem Artikel bezweckt, zumal unter diesem Titel. Offensichtlich will Mocek mit Klischees aufräumen und wachrütteln, nur wen? Der durchschnittliche NEON-Leser ist sicherlich kein mit Rasta-Locken und Bob-Marley-Aufnähern bestückter linker Alternativer. Reggae-Fans hingegen wissen längst um das Problem und haben ihren eigenen Weg gefunden, damit umzugehen. Liest man die Kommentare, reichte die Bandbreite vom ignoranten Party-Spaß bis hin zur aufklärerischen Zensur.

Die ebenfalls häufig gestellte Frage nach der Aktualität und dem Zeitpunkt der Veröffentlichung ist allerdings hinfällig. Erst Ende Januar gab es auf Jamaika einen Zwischenfall mit homophoben Hintergrund: in der Stadt Mandeville wurden drei schwule Männer in ihrem Haus von einem aufgebrachten Mob angegriffen und krankenhausreif geschlagen; von einem der Opfer fehlte nach der Gewalttat jede Spur. Ein paar Tage zuvor sollen die drei Männer aufgefordert worden sein, die Stadt zu verlassen, berichtet gaywired.com. Das Thema wird zudem nicht nur in Deutschland häufiger diskutiert. Zuletzt fand Anfang Februar eine große Gesprächsrunde in New York statt, zu der wieder einmal keiner der angeprangerten Musiker eingeladen wurde (mehr Infos).

Nach meinem Verständnis entspricht das Berufsbild des Dancehall-DJs oder Reggae-Sängers, provokant formuliert, dem eines BILD-Journalisten. Der entwickelt in der Regel keine Themen, sondern greift welche auf, die längst da sind und Aufmerksamkeit garantieren. Und so lange die Nachfrage nicht verebbt, wird ein Scheit nach dem anderen ins Feuer geworfen, ein Artikel nach dem anderen geschrieben. Das Thema Homophobie ist auf Jamaika nicht zuletzt aus historischen Gründen, wie auch NEON-Autor Mocek richtig erkannt hat, ständig präsent und immer aktuell.

Erst vor zwei Tagen gaben jamaikanische Kirchenführer zu verstehen, dass sie Homosexualität niemals als normal ansehen werden (siehe Bericht im Jamaica Gleaner). Da wundert es nicht, wenn manche Texte voll schwulenfeindlichen Inhaltes sind. Das steigert die Popularität. Gut ist es aber mit Sicherheit nicht. Denn es gibt genügend Leute in diesem Geschäft, die auch mit positiven Botschaften seit Jahren Erfolg haben. An dieser Stelle blenden die sonst kritischen Journalisten aber gern aus.

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