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Berlin Boom Orchestra im Interview

Berlin Boom Orchestra LogoDas Berlin Boom Orchestra ist als beste deutsche Reggae-Band beim European Reggae Contest 2009 in Italien angetreten. Viel erfahren hat man darüber nicht. Deshalb gibt es nun das erleuchtende Interview. Das Berlin Boom Orchestra spricht über Eindrücke, Zukunftspläne und den umstrittenen Contest-Vorentscheid in ihrer Heimatstadt.

Wie war es in Italien? Habt ihr die Eindrücke vom European Reggae Contest 2009 gut verkraftet?

BBO: Es war großartig! Eigentlich ein Irrsinn, über 1000 km durch Europa zu fahren, um dann in brütender Hitze ein 20-Minuten-Set zu spielen. Aber die wunderbare Atmosphäre beim Rototom war es einfach wert. Auch die Erfahrung, bei einem großen Festival auf einer großen Bühne zu stehen war neu für uns; auf einmal hatte jeder unendlich viel Platz und die Kommunikation untereinander musste ganz anders ablaufen, das war schon ungewohnt. Aber wir hatten als Band ein schönes Wochenende in Italien – ein Kurzurlaub mit viel Spaß und wenig Schlaf.

Auf welchem Platz seid ihr eigentlich gelandet?

BBO: Tja, sagen wir mal hinteres Mittelfeld. Schlussendlich sind wir auf den neunten Platz gekommen, allerdings lagen alle Bands in der Wertung sehr nah beieinander. Überhaupt war das Niveau sehr hoch, das kann man hier ja auch mal ganz neidlos anerkennen. Ernsthaft, bei unseren fast ausschließlich deutschen Texten und unserem Reggae-Ska-Dancehall-Mix im Berlin-Boom-Style, da hatten wir bei einem internationalen Reggae-Festival eigentlich mit dem letzten Platz gerechnet.

Wir sind jedenfalls zufrieden mit dem, was wir abgeliefert haben. Einerseits war es gut zu sehen, woran wir in Zukunft noch arbeiten müssen, andererseits konnten wir uns auch über die positive Resonanz des Publikums freuen.

Berlin Boom Orchestra auf dem Dach
Berlin Boom Orchestra auf dem Dach

Im Vorfeld gab es große Aufregung. Ihr wurdet für den deutschen Vorausscheid nachnominiert und habt dann in Berlin auch noch gewonnen.
BBO: Ja, das war in der Tat ein großes Durcheinander. Wir hatten ja über Wochen alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass unsere Fans für uns abstimmen. Die Regeln beim Contest waren so, dass die ersten drei Plätze im Online-Voting zum Finale nach Berlin fahren durften. Die Platzierungen haben sich aus dem Publikums-Voting (welches wir gewonnen haben) und den Jury-Votes zusammengesetzt. Die Stimmen der Jury wurden zu 80 Prozent und die des Publikums zu 20 Prozent gewichtet. Dadurch sind wir vom ersten Platz auf den vierten Platz gerutscht.

In dem Moment kam uns das komisch vor, da nach Veröffentlichung der Jury-Votes plötzlich Bands auf den ersten drei Plätzen waren, zu denen wir (und auch die Bands auf den Plätzen nach uns) im Publikums-Voting viele hundert Stimmen Abstand hatten. Daraufhin haben wir versucht, die Berechnung des Endergebnisses nachzuvollziehen und haben dabei entdeckt, dass die Organisatoren in Italien sich verrechnet hatten.

Also haben wir da nochmal nachgehakt und tatsächlich – die Leute vom Rototom hatten einen kleinen Fehler gemacht und europaweit falsche Ergebnisse veröffentlicht. Allerdings war der Unterschied so gering, dass sich nur bei dem deutschen Ranking etwas verändert hat. Auch wenn es knapp war, sind wir mit dem richtigen Endergebnis auf dem dritten Platz gelandet.

Nach der ganzen Aufregung war es dann einfach nur noch toll, das Final-Konzert im YAAM zu spielen. Die Stimmung war super, die anderen Bands haben uns sehr gut gefallen und die Unterstützung unserer Fans hat uns überwältigt. Dass wir dann noch gewonnen haben, hat uns ebenso überrascht wie auch gefreut. Wir sind uns sicher, dass es ganz anders ausgegangen wäre, wenn das Finale zum Beispiel in München oder Frankfurt stattgefunden hätte, zumal die Entscheidung ja zu 50 Prozent von den Stimmen des Publikums abhing. Aber eine gewisse Portion Glück gehört einfach dazu.

Berlin Boom Orchestra live im YAAM

Was haltet ihr allgemein von einer Veranstaltung wie dem European Reggae Contest?

BBO: Prinzipiell ist das eine sehr gute Sache. Wann hat man schon mal als junge Band die Möglichkeit, sich vor einer fachkundigen Jury und noch dazu auf einem großen Festival zu präsentieren? Außerdem konnten wir dadurch viele nette Bands aus ganz Europa kennenlernen und Kontakte knüpfen. Es ist ja auch nicht so leicht, Konzerte außerhalb von Deutschland zu organisieren, da hilft uns das bestimmt.

Was uns jedoch nicht so gut gefallen hat, war der Wettbewerb, in dem die teilnehmenden Bands zwangsläufig zueinander stehen. Selbstverständlich liegt das in der Natur der Sache, aber es hat uns schon enttäuscht, dass es nach dem Contest (in Berlin, Anm. d. R.) anonyme Gästebucheinträge gab, in denen Anschuldigungen erhoben wurden, die schlicht und einfach nicht der Wahrheit entsprachen.

So sollen wir zum Beispiel Knicklichter an unsere Fans im Publikum verteilt haben. Die Knicklichter wurden zur Abstimmung genutzt und wir sollen unseren Fans dadurch mehr Stimmen gegeben haben. Abgesehen davon, dass wir im Vorhinein gar nicht wussten, wie die Abstimmung konkret ablaufen wird und niemand von uns zufällig einen Haufen Knicklichter dabei hatte, wäre das ja Betrug und das finden wir einfach Scheiße. Uns als Band sowas zu unterstellen ist schon eine harte Nummer. Wir machen bei einem Contest nicht mit, um zu betrügen, sondern um dabei zu sein und Erfahrungen zu sammeln!

Musik lässt sich ja eigentlich nicht in eine Rangfolge setzen. Natürlich gibt es technische Aspekte, die man objektiv beurteilen kann, aber die Musik selber hat doch unzählige verschiedene Ausrichtungen und Spielweisen, bei denen man nicht einfach sagen kann: Die eine ist besser als die andere. In dem Sinne passt der ganze Wettbewerbsgedanke nicht.

Mich hat gewundert, dass so wenig darüber berichtet wurde, weder über das deutsche Finale noch über das Finale in Italien. Selbst das deutsche Reggae-Magazin „Riddim“ hat die Veranstaltung anscheinend ignoriert.

BBO: Das hat uns auch verwundert, schließlich waren einige sehr coole Bands am Start und tausende Reggaefans in Deutschland haben abgestimmt – eigentlich etwas, über das es sich zu berichten lohnt. Die Riddim ist cool, weil sie die strukturellen Möglichkeiten hat, uns durch Interviews und Reportagen Jamaika und jamaikanische Künstlerinnen und Künstler näher zu bringen – letztendlich Ursprung dieser Mucke und Quelle der Inspiration für so viele weltweit. Mittlerweile ist die deutsche Szene recht groß und hat viele Talente zu bieten, davon liest man halt in der Riddim zu wenig, aber dafür gibt es wohl eher so feine Seiten wie Houseofreggae.de.

Berlin Boom Orchestra oben auf
Berlin Boom Orchestra oben auf

Wie geht es jetzt weiter mit dem Berlin Boom Orchestra?

BBO: Oha, da steht einiges ins Haus! Nach einer mehrwöchigen Urlaubspause werden wir am 29. September wieder in die Konzertsaison starten und im SO36 den Support für Irie Révoltés machen, die auf ihrer Tour auch Berlin beehren werden. Dann fahren wir für zwei Gigs nach Marokko, eine super Sache, die wir selbst noch immer nicht ganz glauben können.

Danach stehen einige Umbesetzungen in der Band an: Wir werden mit einem weinenden Auge Abschied von unserem langjährigen Drummer Louis nehmen und mit einem lachenden Auge unseren neuen Drummer Jonas begrüßen, der fortan bei uns hinter der Schießbude thronen wird. Unser Ur-Bassist Nils ist aus dem schwedischen Exil zurückgekehrt und wird nach dem Marokko-Trip in die Band zurückkehren, sodass diese Reise nach Marokko auch für Jan, der ein gutes Jahr in den tiefen Frequenzen für Druck gesorgt hat, der Abschluss sein wird.

Außerdem kommt unser alter Trompeter Frederick von einem Praktikum in Beirut zurück, sodass wir uns mit einem dicken Dankeschön von Mathieu verabschieden werden, der ihn in der Zwischenzeit vertreten hat. Sowohl Jan als auch Louis und Mathieu bleiben jedoch in der Familie und werden hin und wieder Aushilfe sein, so dass man sie bestimmt das ein oder andere Mal auf der Bühne sehen wird.

Im Winter gehen wir dann wieder auf Tour und im Frühjahr 2010 schließen wir uns im Studio ein, um unser zweites Album an den Start zu bringen, welches dann voraussichtlich zum Sommer erscheinen wird. Wer bei unseren Tour-Daten und allem, was uns sonst noch bewegt immer up-to-date sein möchte, trägt sich am besten in unseren Newsletter unter www.berlinboomorchestra.de ein.

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